Valerie Prinz

was immer du machst, versteck deine Hände

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Deine Finger zeigen Garstiges,
sagte ihre Mutter, leise,
aber laut genug, so dass sie es noch
hören konnte.
Was immer du machst, versteck deine Hände

*

Die Küche wird ausgeräumt, drei Wochen nachdem ihr Körper begraben wurde.

Neben den Platzdecken in einer Schublade Fotos vom Hof. Auf der Rückseite mit Bleistift beschrieben, Schönschreibschrift, aber kaum lesbar. Sie hatte immer eine fiese Klaue. Manche so oft angefasst, dass die Schrift an den Rändern verschwimmt und die Ecken vergilben. Fettflecken zieren das Papier. am Hof, ’45 – mit Mutter Butter machen

Die Headline auf meinem Smartphone: ein Krieg, der Spinnweben hinterlässt

*

Leben am Hof oder Feld entstand durch
Bedrohung, Opfer oder symbolischen Tod.
Im Frühjahr schlug man potenzielle
Fruchtbarkeit mit Eschenruten, bürstete
das Vieh mit Zweigen, ging die Felder mit
Ästen ab. Sträucher prüfte man auf Schäden,
fanden sich welche, begoss man die Wurzeln
mit Milch, um die Fehler des Versäumnisses
wiedergutzumachen. Um dicke Maden
aus den Feldern zu vertreiben, vergrub man
spitze Steine. Im Sommer und Herbst erntete man,
was zu ernten war, danach bereitete man sich
auf Frost und damit auf den Frühling vor.
Als der Vater eingezogen wurde, mussten
die Kinder das Feld umgraben, das Holz
vorbereiten, Scheite stapeln. Abends zogen
sie sich gegenseitig die Schiefer
aus den harten Fingern.

*

Die Küche riecht nach ihr, nach Melkfett und kaltem Rauch, die Vorhänge in Falten an der Wand, das Brett vom Schneiden noch am immergleichen Platz. Die Fotos aus der Schublade in eine Box, die letzte Version von ihr wird freigelegt. Wenn Verstecken die einzig angebotene Lösung ist, misst man alles daran, ob man unentdeckt bleibt.
am Hof, ’45 – mit Mutter Butter machen

Das Video am Handy-Screen: Häuser, überzogen mit netzähnlichen Fäden, gespannt zwischen behelfsmäßigen Masten, sie hängen durch, die Dächer sind voll davon. Spinnweben. Ballooning. Die Oberflächen der Fäden reflektieren die Sonne.

*

Am Hof wurde Arbeit erst in drei,
dann in viele Worte geteilt.
Du – es meinte Mutter
Du – es meinte Tochter
Du – es meinte Schwester

Stellen Säumen Rußen Fegen
Zäunen Schlachten Häuten Ausnehmen
Zurren Kochen Reißen Mahlen Fetten
Waschen Bürsten Füttern Eutern
Dreschen Hacken Stutzen Jäten
Schneiden Aus-, Ein- und Begraben

*

Ein Spinnennetz ist Teil eines Kreislaufs. Es wird aus einem Körper gepresst, fängt, ernährt, zerfällt oder wird gefressen, wird neu gewoben, wenn der Wind es zerreißt. Es erzählt von Bedürfnis und Erschöpfung, eine Rückbindung an das Tier, das es spinnt, und an das Wetter, das es prüft. warum glasfaserkabel keine spinnweben sind

*

Dinge, die der Hof verlangte:
Den Himmel studieren. Tag und Nacht
als solche behandeln. Ernste Gespräche
auf der Treppe nach draußen zurücklassen.

Eigenheiten, was alte Anwesen eben
haben
, sagte sie, wenn jemand zu
nah kam, oft, bevor überhaupt eine
richtige Frage formuliert werden konnte.
Ich nervte als Kind, wollte die ernsten
Gespräche draußen führen. Zeigte mit
meinen kurzen Fingern auf etwas
und verlangte nach seiner Definition.
Sie kannte die Stellen, an denen sich
die Dinge schon lange durchdrangen
und benannte sie nicht mehr.
Auf Grund meines Alters vergaß ich
aber ohnehin oft mein Interesse.

Derselbe Tonfall,
ich, siebzehn, in ihrer Küche,
fragte, was das war,
früher, mit dem Hof hier

Was wann war
Als der Uropa weg war

Sie stand auf, füllte Kaffee nach,
obwohl noch halbvoll, schaute aus
dem Fenster auf das Feld, wo nichts
Besonderes zu sehen war,
schnitt ein Stück Kuchen ab
und trug es mir auf der Hand
zum Tisch.

*

warum glasfaserkabel keine spinnweben sind auf dem Handy-Screen: ein ferngesteuertes Nervensystem. Am Bauch der Drohne: mehr als 20 Kilometer Glasfaser, über 200.000 Drohnen monatlich, Millionen Kilometer lang glänzt ein dreidimensionales Gewirr aus einzelnen Fäden. Man fragt sich nicht, wie viel noch aus dem Bauch kommt, nur: wie viel schon verschlungen, das, was sich in drei Worten wie ein Ökosystem verhält
verfangen – es meint die Zumutung von Zeit in einer Form, die keine erlaubt
verbinden – es meint die Zumutung von Zeit in einer Form, die keine erlaubt
reagieren – es meint die Zumutung von Zeit in einer Form, die keine erlaubt
kennt keinen Kreislauf oder Abbau. Keinen Bauch und keinen Schlund. Der täuschend schöne Anblick ist fast brutaler als seine Metapher. Spinnen führen keinen Krieg.

*

Dinge, die die Mutter verlangte:
für die Dauer eines Gesprächs
die Hände in den Taschen oder
hinter den Rücken halten,
jedenfalls verdeckt, jedenfalls
die Schürf- und Schieferwunden,
den Dreck unter den Nägeln,
die verdickte Haut nicht sprechen
lassen.

der Vater ist mit uns am Hof, jaja

*

Die Ähnlichkeit ist ein Nebenprodukt der Physik, mit Absicht hat das nichts zu tun. Sobald jemand das Wort Spinnweben darüberlegt, wird aus der zufälligen physikalischen Ähnlichkeit eine behauptete Verwandtschaft. Das eine Netz wird nicht mehr neben das andere gestellt, sondern durch es ersetzt: Wer Spinnweben sagt, hat aufgehört, ein militärisches System zu sehen, und sieht stattdessen ein Naturphänomen, dem gegenüber Empörung fehl am Platz wäre. Man empört sich nicht über Spinnweben.

*

Dinge, die die verdickte Haut verlangte:
Abends Melkfett und gegenseitiges Säubern.
Die Art zu antworten als Bewegung studieren.
Eine automatisierte Choreographie.
Auch lange nach ’45 . Die Hände hinter
den Rücken, der Mund, der ihnen folgte.

Krieg hört nicht auf, nur weil er sein Ereignis verliert.

*

Ein Kind, das seine Hände versteckt, lernt die Technik, zwei Wahrheiten gleichzeitig zu führen, ohne dass sie sich berühren. Es spielt das Versteckspiel, um zu gewinnen, bis es die ernsten Gespräche versteht.

*

Nach ihrer Geburt entwickelte sie sich
zu schnell. Sie legten sie daraufhin
am Morgen des Johannistags nackt auf einen
noch unbestellten Teil des Rapsfeldes und
bestreuten sie mit Leinsaat und Gerste.
Erst als im Frühjahr die Saat aufging,
fing sie an zu laufen.

Auf dem Foto der Hof und dahinter das Feld,
in dem ihr neugeborener Körper lag.

*

Manches bräuchte eine Zeit, die der Sache entspricht, Tage oder Jahre, um sie zu verstehen. Zwischen der Größe eines Ereignisses und der Kürze seiner Vermittlung liegt manchmal mein weicher Daumen.

*

Es hängt nur noch ein loses Geflecht auf den Schindeln, auf dem Putz und den Masten, bleibt, weil niemand kommt, um es abzubauen. Das Kabel abgespult, wird komplette Kontrolle zu völliger Zwecklosigkeit. Bleibt als ethische Frage: wer es dort ließ und wofür. Bleibt als Angebot und Sprachkrise: ein Ersatzbild, das so gut funktioniert, dass man nicht merkt, was es verdeckt. Das ist die billigste Form von Trost, die Sprache anzubieten hat.

*

Sprich nicht mit Fremden,
sagte die Mutter, sie wollen
dir zwischen die Sätze sehen.
Sag nur, und nur wenn du musst,
dass der Vater da ist,
sag, er ist am Hof, jaja

*

am Hof, ’45 – mit Mutter Butter machen

*

Manches löst sich irgendwann auf und wird erzählbar. Manches hat ein Andauern, das man aushalten oder bewohnen muss. Solange es anhält, ist man sich ausgesetzt und verweilt darin, ohne es zu merken. Genauso wie man die Sprache eines Hauses nicht bemerkt, in dem man aufgewachsen ist, bis man es verlässt und außerhalb seiner Treppen lügt.

*

Ich fragte noch einmal, nicht lang her,
weil ich meinte, dass ich jetzt erwachsen
dass ich also genug war für eine
echte Antwort

Wart ihr allein auf dem Hof,
Uroma und ihr Schwestern?
Ja
Und der Uropa weg?
Ja

Sie schaute lange die Hände an,
länger als sie sonst je jemanden
angeschaut, und ich dachte
für einen Moment,
jetzt kommt es,
jetzt erzählt sie

aber nur eine alte Müdigkeit,
die nichts mit diesem Nachmittag,
nur mit jedem Mal, das sie diese
Frage schon einmal gehört,
schon einmal so beantwortet
und streicht mir die Wange

*

Dinge, die die Sprache verlangt: dass so etwas wie ein Wort irgendwann endet. Dabei ist die Grenze, die ein Wort zieht, längst durchlässig. Man kann nicht einfach Milch darauf kippen und darauf warten, dass es wieder wird.

*

Meist abends stand sie mit der Mutter
im hinteren Stallgebäude, in dem
noch nie Vieh, nur Werkzeug lag.
Von der Brust aus goss die Mutter
den sauren Rahm ins Holzfass.
Ihre Hände packten den Stampfer,
fest auf und ab. Bis der Arm müde wird,
sagte sie, als sie es ihr das erste Mal
zeigte, ihr eigener wurde es nie.
Stunden, bis das Geräusch dumpfer,
der Rahm dicker wurde und klumpte.
Sie steckten die Hände bis zum
Ellenbogen in die wässrige Milch,
suchten nach Klumpen, fanden sich an
den Fingern und erschraken.
Formten so 12 Kilo Butter.

*

Eine Form von Widerstand, die gegen das Verstecken zur Verfügung steht, ist es, nicht eine bessere Metapher zu finden, sondern sich zu weigern, mit der falschen weiterzuziehen. Weil beide dieselbe Art von Verlust hinterlassen, wenn man zu weit weg davon steht: eine Form, die bleibt, und eine Zeit, die nicht mehr dazugehört. am Hof, ’45 – mit Mutter Butter machen

*

Die Spinne verlangt:
Einen Frühling, der auf den Winter folgt

*

Ich schreibe nicht auf die Rückseite von Fotos, aber auf meinem Laptop. Meine Sätze sind nur eine Geschichte, die zufällig in dieselbe Landschaft passt wie ihre. Ich kann zwei Zeiten nicht übereinanderlegen. Was mir bleibt, ist sonnig, der Geruch von Heu, ihre Hände beim Schönschreiben, wie sie die Wangen der Kinder, das Haar hinters Ohr, den Kuchen auf den Tisch, mir die kurzen Finger mit Melkfett einreibt.

wie lange wohl so ein Bewohnen von sich

*

Dinge, die sie verlangte:
Sich nicht umzudrehen, um
auszusparen, wie ein Ort
aussieht, wenn man ihn verlässt.
Nachts keinen Knirschschutz
zu tragen, um die Eckzähne weiter
zu schärfen. Nur für den Fall.
Mit dem Sprechen zu warten,
wenn jemand weint.

*

warum glasfaserkabel keine spinnweben sind