Ruth Amstutz
Die Hände, die mich füttern
Möchtest du verbrannt werden?, fragt das Kind, das ich geboren habe, und beisst in einen Apfel. Ich habe gehört, sagt es, dass man auswählen darf, in welchen Kleidern man verbrannt wird. Ich möchte in meinem Pyjama verbrannt werden, und ich möchte, dass sie mir die Hände so richten. Das Kind zeigt mir die Mittelfinger, beide. Alles würde verbrennen, nur meine Mittelfinger würden für immer so aus der Erde rausschauen.
Meine Grossmutter wurde verbrannt. Das Kind schaufelte Erde auf ihre Urne, bis keine mehr für die anderen Trauernden übrig war. Auf den Fotos, die Grossmutter als Kind zeigen, ist selten ihr ganzes Gesicht zu sehen. Sie hält sich die Hand vor den Mund, als wollte sie ein Lächeln verbergen. Ihre Augen lächeln nicht. Sie hat sich geschämt, sagte Mutter, als ich sie auf das fehlende Gesicht ansprach. Als Kind sei sie beim Spielen über einen der Metalldrähte gestolpert, die der Gärtner zum Trimmen der Buchsbaumhecken durch den Garten gespannt hatte. Die Drähte markierten die maximale Höhe der Hecken und garantierten deren gleichmässigen Beschnitt. Das Kind, das meine Grossmutter werden würde, hatte sich beim Sturz die Nase gebrochen. Das Gesicht war ruiniert.
Deine Urgrosseltern waren wohlhabend, sagte Mutter, als ich sie auf die parkähnliche Anlage ansprach, die meine Grossmutter das Sichschämen lehrte, aber sie waren auch wohltätig. Neben dem Gärtner beschäftigten Grossmutters Eltern eine Köchin, eine Haushälterin und eine Kinderfrau. Sonntags gab es manchmal Torte, erzählte Mutter, aber für jeden nur ein Stück.
Weisst du, was ein Wohltäter ist?, fragte Mutter. Ich musste an das Foto denken, auf dem man in die aufgeschlitzten Bäuche der Rehe und Hasen hineinsehen konnte, die Urgrossvater geschossen hatte. An das Bild, auf dem Grossmutter zwischen ihren Eltern auf der Veranda steht, die Augen zusammengekniffen, als würde sie geblendet. Ist Wohltätigkeit eine Form der symptomatischen Bekämpfung struktureller Ungerechtigkeit? Oder ein Mittel, diese aufrechtzuerhalten? Eine Form von Gewalt?
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6-7, ruft das Kind und fuchtelt mit den Händen. 6-7, sagt das Kind, bedeutet nichts. 6-7, denke ich, würde Roland Barthes sagen, ist ein moderner Mythos, eine Verschmelzung der Ausdrucksform mit dem Sinngehalt. 6-7, denke ich, würde Jean Baudrillard sagen, ist ein Simulacrum, eine Repräsentation ohne Referenzobjekt. 6-7, notiere ich, ist die mediatisierte Verkörperung der Negation eines Referenzobjekts. Das Referenzobjekt, auf das 6-7 ex negativo verweist, ist die Erde, das Wasser, ein kampfdrohnenfreier Himmel.
Wir sagen 6-7, wenn wir nicht mehr wissen, was wir sagen sollen, sagt das Kind. 6-7, notiere ich, ist ein Coping-Mechanismus in Situationen der Sprachlosigkeit. 6-7, denke ich, würde Anna Kornbluh sagen, ist Ausdruck des Primats von Prozessen der Zirkulation vor Prozessen der Produktion im Zu-spät-Kapitalismus.
6-7, notiere ich, könnte mit Kornbluh als Verweis auf die unvermeidliche Zerstörung allen Lebens durch die extraktive Logik des zombiekapitalistischen Tech-Feudalismus gedeutet werden, als Ausdruck der Verdichtung der Zeit zu einer ständig alerten Gegenwart ohne Zukunft. 6-7, notiere ich, sind die versammelten Mittelfinger einer Generation, die als „alpha“ und als „die letzte“ bezeichnet wird.
6-7, sagt das Kind, ist voll 2025. Wir sagen jetzt „tough“ – das heisst cool. Und „deep“ – das heisst schlimm, also schlimm, wie in „nicht so schlimm“. Es ist nicht so deep, Mama, sagt das Kind und streicht mir die Haare aus dem nassen Gesicht.
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Ich suche nach der Folge des Podcasts, in dem der afroamerikanische Lyriker und Essayist Ross Gay über das Projekt „Free Fruit For All!“ spricht, einen von rund hundert Freiwilligen gepflanzten öffentlichen Obstgarten. Ich höre diesen Podcast so oft, dass ich genau weiss, wie viele Minuten ich skippen muss, um die Bezahlaufforderung zu überspringen. Es dauert ungefähr hundert Jahre, bis ein Walnussbaum Früchte trägt, sagt Gay. Menschen, die Walnussbäume pflanzen, wissen, dass sie selbst nicht vom Resultat ihrer Arbeit profitieren werden. Und trotzdem gibt es Walnussbäume.
Er sei einmal für einen Text zum Thema „Gärtnern als Privileg“ angefragt worden, erzählt Gay. In bestimmter Weise, sagt er, könne das Verständnis von „Privileg“, das in dieser These mitschwinge, benutzt werden, um die ungleiche Verteilung von Macht und Reichtum aufrechtzuerhalten. Alle sollten die Möglichkeit haben, ihre eigenen Zucchinis zu ziehen, sagt Gay. Kein Zugang zu etwas Erde zu haben, sei eine Form der Gewalt.
Es sei kein Privileg, Zugang zu sauberem Wasser zu haben oder nicht bombardiert zu werden. Diese Dinge „Privilegien“ zu nennen, sei eine Verzerrung der Vorstellung dessen, was uns allen zusteht. Dieser Gebrauch von „Privileg“ suggeriere, dass es rational sei zu denken, dass diese Dinge nur bestimmten Personen oder Gruppen vorbehalten seien, dass sie einem jederzeit weggenommen werden könnten, dass niemand ein Recht auf sie habe. Anstatt von Privilegien sollten wir von Deprivation sprechen, notiere ich, von den konkreten Handlungen der Enteignung und dem Absprechen von Menschlichkeit, die damit einhergeht.
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Ich versuche, mich an das Gesicht meiner Grossmutter zu erinnern, aber ich sehe nur zu geometrischen Körpern getrimmte Buchsbäume und einen Tisch voller Torten im Schatten eines Walnussbaums. Eine in gleichmässige Viertel geschnittene Torte: ein Stück Erwerbsarbeit, ein Stück Reproduktionsarbeit, eines für gesellschaftspolitisches Engagement und eines für Müssiggang – Frigga Haugs 4-in-1-Perspektive. Jeder Tag ist eine Torte. Jedes Tortenstück hat 4 Stunden. In Friggas Bäckerei ist Müssiggang die Grundmasse, aus der Kunst gemacht ist. Ich notiere: Zu wenig Zeit für künstlerische, politische und fürsorgende Arbeit zu haben, ist eine Form von Deprivation. Eine Reduktion der Person auf eine disponible Ressource.
Ich google Frigga Haug, während Ross Gay über das Gärtnern als Projektion in die Zukunft – eine Geste der Hoffnung – spricht. In den frühen 1980er-Jahren, so lese ich in einem Artikel auf einem jener Zeitungsportale, die aus Prinzip auf eine Paywall verzichten, habe die deutsche Sozialwissenschaftlerin und Philosophin einen Vortrag mit dem Titel „Frauen – Opfer oder Täter?“ gehalten. Darin habe sie die These vertreten, dass die Sozialisierung als Frau nicht nur als passive Prägung, sondern als mitunter aktiver Prozess der Unterwerfung verstanden werden müsse, der nur dank eines Stücks Zustimmung möglich sei. Die These sei kontrovers diskutiert und als Verharmlosung von Unterdrückungsmechanismen missverstanden worden.
Hängt die Sozialisierung als neoliberales Subjekt von dessen Zustimmung zur Unterwerfung unter das Diktat der Effizienz ab? Von der Verinnerlichung der Ideologie, dass das Ergebnis von Zeit durch Kraft maximiert werden muss? Haben alle ein Stück Zustimmung, das sie verweigern können? Woraus ist dieses Stück gemacht? Zeit? Kraft? Daten? Ich notiere: Sich nicht verweigern zu können, ist eine Form der Deprivation.
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Das Smartphone schlägt mir Besondere Momente vor. Es zeigt mir das Kind in einem Blumenfeld. Heute steht auf diesem Feld eine Serverfarm. Das Kind lacht, in der einen Hand ein Messer, in der anderen eine immense gelbe Tulpe. – swipe –
Kitakinder in Hochstühlen an einem langen Tisch. Das Kind, das ich geboren habe, sitzt in der Mitte. Es trägt eine Krone, die ihm die goldenen Locken in die Stirn drückt, und fokussiert die Torte, die vor ihm auf dem Tisch steht. Eine Hand kommt ins Bild und zündet die beiden Kerzen auf der Torte an. Happy Birthday to you, singt das Kind. Einige Kinder singen mit, andere bewegen lautlos die Lippen oder starren mit offenem Mund in die Flammen. Das Kind steht in seinem Hochstuhl auf und beugt sich nach vorne. Vorsicht!, ruft jemand, eine Hand kommt ins Bild und rettet die goldenen Locken vor den Flammen. Das Kind pustet sie aus. Bravo, rufen die Betreuer:innen. Bravo, ruft das Kind, zieht die Kerzenstummel aus der Torte und lässt sich in den Hochstuhl zurückfallen, ohne die Torte aus den Augen zu lassen. Es lässt die Kerzenstummel fallen, wendet den Blick von der Torte ab und versucht, sich das heisse Wachs von den Fingern zu wischen. Dann schaut das Kind in die Kamera. Es schaut mich an. In seinem Blick eine rohe Erkenntnis. – swipe –
Auf dem Screen erscheinen drei hüpfende Punkte. Eine nervöse Ellipse. Ich möchte einen Neustart machen und stelle fest, dass ich nicht weiss, wie ich mein Smartphone ausschalten kann. Ich besitze dieses Gerät seit mehreren Jahren.
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Ich erinnere mich an den sanduhrförmigen Mauszeiger, der auf Mutters Macintosh erschien. Finger weg, sagte Mutter, die Sanduhr zeigt an, dass der Computer ausgelastet ist und gerade keine weiteren Eingaben akzeptiert. Ich tippe S – A – N – D – U – H – R und drücke die Enter-Taste. Die Suchmaschine fräst Schneisen durch das Internet, in denen ich versuche nachzudenken.
Anders als andere Zeitmessgeräte messen Sanduhren das Vergehen der Zeit ausschliesslich dann, wenn jemand dies für angebracht hält. Für das Messen der Zeit mit einer Sanduhr bedarf es neben dem Akt des Umdrehens auch der Schwerkraft. Letztere sorgt dafür, dass das Schüttgut kontinuierlich aus dem oberen Kolben durch die offene, enge Verbindungsstelle in den unteren Kolben rieselt. Die Verbindungsstelle zwischen den beiden Kolben ist eine konkrete Repräsentation der Idee der Gegenwart als das, was zwischen Vergangenheit und Zukunft liegt.
Mitte der 1980er-Jahre wurde die Sanduhr in einigen Betriebssystemen durch einen Wait Cursor in Form einer Armbanduhr ersetzt. Hundert Jahre zuvor hatte William James die Theorie, dass Zeit nicht die Summe infinitesimal kleiner, aber diskreter Einheiten ist (wie die Vertreter einer atomistischen Auffassung von Zeit glaubten), mit der Annahme verknüpft, dass das menschliche Bewusstsein ein „Gedankenstrom“ sei und nicht etwa eine Konglomeration unterschiedlicher Eigenschaften und Vorstellungen. 1916 – mit der Erfindung der elektrischen Uhr und der Einführung des Sekundenzeigers, der das Zifferblatt in einer gleichmässig fliessenden Bewegung umrundete – konnte die Zeit erstmals als Strom dargestellt werden.
Noch im selben Jahr wurde die bis dahin als unmännlich geltende Armbanduhr zu einem festen Bestandteil der Militärausrüstung. Vor den Schlachten wurden die Armbanduhren synchronisiert, sodass die Soldaten gleichzeitig die Leitern hoch und über die Brüstung der Schützengräben stürmen und die Piloten den Abwurfmechanismus auslösen und die Bomben ausklinken konnten.
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Letzte Nacht ging der Alarm der Smartwatch los, die der Mann, den ich liebe, am Handgelenk trägt. Ihre Herzfrequenz befindet sich unterhalb des Normbereichs, warnte sie. Piepste und blinkte. Piepste und blinkte. Piepste und blinkte. Die Herzfrequenz verdoppelte und verdreifachte sich. Piepste und blinkte. Fragen sie ihn, ob er Schmerzen hat, sagte die Ärztin, die meinen Notruf entgegennahm. Ich habe keine Schmerzen, schrie der Mann, ich habe Angst! Das sei ein gutes Zeichen, sagte die Ärztin. Es bedeute, dass sein Zustand nicht existenziell sei. Sie empfehle, die Uhr beim Schlafen abzulegen.
Mitte der 1990er-Jahre ersetzte Apple die Armbanduhr durch einen rotierenden bunten Ball. Jemand musste zu dem Schluss gekommen sein, dass die Repräsentation von Zeitmessgeräten – jenen Disziplinarwerkzeugen, die uns am Laufen halten – nicht mehr notwendig ist, um an unsere Geduld zu appellieren. Der Prosumer, muss jemand gedacht haben, hat die Ideologien der Effizienz und des Primats der Zirkulation bereits verinnerlicht. Der Ball mit seinen sich lustig um die eigene Achse drehenden Regenbogenfarben ist die Ikone der Gegenwart – Geschäftigkeit ist Glückseligkeit.
Seit der Einführung von Mac OS X, jenem Betriebssystem, das die Grundlage für weitere Apple-Entwicklungen wie den iPod, das iPhone und die Apple-Watch bildete, wurde der rotierende bunte Wait Cursor in den Medien häufig als Wasserball bezeichnet. Die Autor:innen scheinen nicht gewusst zu haben, dass das Icon ursprünglich die regenbogenfarben spiegelnde Oberfläche einer CD-ROM darstellte. „ROM“ steht für „read-only memory“ und meint, dass das Betriebssystem auf die gespeicherten Daten zugreifen, sie jedoch weder löschen noch ihnen etwas hinzufügen kann.
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Expelliarmus!, ruft das Kind. Ich weiss, was das heisst, und ich weiss, was ich jetzt tun muss: Das Kind weist mich an, alles, was ich in den Händen halte, fallen zu lassen. Spinnst du?, schreit es und tastet den Bildschirm nach Sprüngen ab. Wir sagen jetzt „P.O.V.“, sagt das Kind und drückt entschieden auf die Knöpfe an der Längsseite des Geräts.
P.O.V. heisst „stell dir vor“, erklärt es und reicht mir das Gerät. So geht das mit dem Neustart. Der Bildschirm wird schwarz.
Zum Beispiel, sagt das Kind, P.O.V.: Du liegst am Strand und dein Wasserball treibt aufs offene Meer hinaus.Oder, sage ich, P.O.V.: Du bist ein Datenspeicher, der sich dem Zugriff des Systems entzieht. Und, sage ich,P.O.V.: Du kannst dem Datenspeicher etwas hinzufügen; du kannst ihn überschreiben. Schliesslich erscheint ein Apfel auf dem Bildschirm. Jemand hat ein Stück Zustimmung abgebissen.