Marcel Beyer
Augenlicht

Und so kommt mir der September 2023 wieder in Erinnerung, den ich wie in einer Nebenwelt verbrachte. Er begann mit hellen Spätsommertagen, jeden Morgen sah ich eine Biene an der Waldminze, das Rotschwänzchen rief noch einige Male, bevor es in sein Winterquartier aufbrach, der Hof versank in dichtem Laub, über den Dächern zeigte sich ein Seehimmel mit nur ganz wenigen, zerfahrenen Wolken. In den Abend hinein herrschte ein ungesundes, dennoch äußerst verlockendes gelbes Licht, oder der Himmel nahm eine nicht weniger ungesunde, ebenso verlockende bläulich-violette Färbung an. Ich erinnere mich, daß ich viel schlief, auch über Tag, und gleich Anfang des Monats stolperte der deutsche Bundeskanzler eines Morgens in Potsdam beim Joggen und fiel unglücklich, ohne sich rechtzeitig abstützen zu können, so daß er sich am rechten Auge leicht verletzte.
    Am Montag, dem 4. September, postete Olaf Scholz ein Porträtphoto, das ihn als Träger einer schwarzen Augenklappe zeigt.
    Ich erinnere mich an jene Septembertage, als der deutsche Bundeskanzler eine Augenklappe trug, und ich erinnere mich an Dinge, die ich gesehen habe. Manche finden in der Erinnerung ihren festen Ort, ihre feste Zeit, andere tauchen aus dem Unklaren auf und gewinnen erst nach und nach Gestalt, bis sie schmerzlich klare Kontur und Farbe angenommen haben, ohne sich damit aber auch in ein fortlaufendes Geschehen einzufügen.
    Vielleicht war die Augenklappe so etwas wie ein Trostwerkzeug. Ein Stück weit auch ein Zauberwerkzeug, weil sie das Gesicht des Bundeskanzlers in zwei Hälften teilte: Die linke Hälfte kannte der Betrachter aus der täglichen Berichterstattung, sie war das Gesicht eines erwachsenen Mannes, der ruhig, entschlossen in die Kamera schaut und so zum Ausdruck bringt, daß er sich seiner Verantwortung stets bewußt ist und die Welt wachsam im Blick behält.
    Die andere Hälfte des Gesichts von Olaf Scholz, die rechte, wurde mit der Augenklappe zum Gesicht eines kleinen Jungen, der sich verletzt hat und darum unseres Trosts bedarf oder der sich im Gegenteil aus Spaß verkleidet hat und dabei – dies gehört zum Spiel – sehr ernst schaut. Ein Junge, der zunächst für sich, allein vor dem Spiegel, und nun in unserer Gegenwart, in Gegenwart der Erwachsenen, einen Seeräuber darstellt. Oder eine Seeräubererinnerung.

 

*

 

Ist es taktlos, Menschen zu photographieren, die das Augenlicht verloren haben? Zeugt es gar von mangelndem Einfühlungsvermögen?
    Wen würde man, näher betrachtet, schonen, indem man Menschen nicht photographiert, die ihr Augenlicht verloren haben – die Blinden oder die Sehenden?
    Darf man Menschen zeigen, die sich selbst auf einer Photographie nicht sehen könnten? Ich stelle mir vor, gerade jene Photographinnen und Photographen, die alles gesehen haben, was ein menschliches Auge wahrnehmen kann, ohne daß ihnen darüber das Gehirn den Dienst versagte und sie angesichts des Grauens das Bewußtsein verloren hätten, denken darüber nach, so intensiv wie kaum jemand sonst, abgesehen vielleicht von denen, die das Augenlicht verloren haben.
    Sie denken darüber nach, nicht indem sie davon sprechen oder darüber schreiben, sondern indem sie das tun, was für sie die vertraute, die nahezu natürliche Weise ist, mit der Welt umzugehen: indem sie photographieren.

  

*

 

Und wer bin nun ich in dieser ganzen Geschichte? Ich bin jemand, an den ich mich zu erinnern glaube. Oder jemand, der sich an mich erinnert, an einen Menschen, den es seit fast sechzig Jahren nicht mehr gibt. An einen kleinen blonden Jungen, der eine Brille braucht.
    Ich trage Kleidung aus dichtem, kratzigem Gewebe, eine wollene Latzhose vielleicht. Ochsenblutfarben oder schiefergrau. Und einen Strickpullover. Die Ära der leichten, bunt gestreiften Baumwollshirts und leuchtendblauer Samtpullover für Kinder ist noch nicht angebrochen.
    Ich sehe mich auf einem Photo vor mir und weiß doch nicht, ob ein solches Photo überhaupt existiert.
    Eine Erinnerung, die ich mir nur erschreiben kann. Aber immerhin das.
    Ich schiele, wenn auch nur ein wenig.
    Ein Blitzlichtphoto in einem Zimmer mit dunklen Möbeln, dunklem Teppich, womöglich auch er ochsenblutfarben, nein, weinrot. Ein Fenster sieht man nicht, vielleicht aber einen schweren Vorhang. Ein Winterbild.
    Wie kann ich wissen, daß ich schiele, wenn das eine Glas meiner Brille abgeklebt ist, um so die Fehlstellung zu korrigieren.
    Wir sind nicht mehr in Frohnstetten auf der Schwäbischen Alb, wo ich meine ersten anderthalb Lebensjahre verbracht habe. Wir sind noch nicht nach Kiel gezogen. Also wohnen wir in Kassel. Mein Vater ist Soldat.
    Wenn ich heute überlege, wie viele Menschen ich fragen könnte nach diesem blonden Jungen, der nur mit einem – schielenden – Auge sieht, komme ich nicht weit. Wer sollte bezeugen, daß ich dieser Junge war?
    Mit einem sehenden und einem nicht-sehenden Auge mache ich einen Schritt nach dem anderen über einen weinroten Teppich – sei es in unserem Wohnzimmer oder in der Wohnküche meiner Großmutter, von der Flurtür bis zum Herd. Ich mache die Schritte ohne Hilfe. Alle freuen sich, alle lachen.
    Nein, die Szene, in der alle lachen, weil ich eigenständig laufe, ist nicht dieselbe, in der ich die Brille trage. Das abgeklebte Brillenglas weckt in den Erwachsenen nicht Freude, es weckt Mitleid, wenn nicht Entsetzen. Es ist durchaus möglich, daß einige von ihnen, als sie selber Kinder waren, miterlebt haben, wie Gleichaltrige das Augenlicht verloren.
    Ich jedoch bin zu jung, und ich werde immer zu jung sein, um in den Trümmern bombardierter Häuser mit herumliegender Munition unachtsam umzugehen und mich in Gefahr zu bringen. So lache nun ich, der ich von einem zwei Jahrzehnte zurückliegenden Weltkrieg nichts weiß, der ich an meinem Auge hinter dem abgedeckten Brillenglas auch keinen Schmerz verspüre. Die Erwachsenen wenden sich mir zu. Und die Erwachsenen trösten mich.
    Sieht man die Welt nur mit einem Auge, muß man sich die andere Hälfte hinzudenken. Sieht man die Welt lediglich zweidimensional, muß man sich ihre Dreidimensionalität erfinden. Es bleibt einem keine andere Wahl. Ohne räumliches Vorstellungsvermögen wäre man geliefert.

 

*

 

Ende März 2024 reist das inzwischen weltberühmte, unter dem Namen Libkos arbeitende Photographenehepaar Wlada und Konstantin Liberow weit in den Westen der Ukraine, fast bis an die polnische Grenze. Es ist noch nicht frühlingswarm, kein Laub an den Sträuchern und Bäumen, aber der Himmel ist hoch und zeigt schöne Wolken.
    Hier auf dem Höhenkamm unweit des Dorfes Jaworiw wollen die beiden drei Tage lang im Sport- und Rehabilitätszentrum für Versehrte und – seit dem Frühjahr 2022 – vermehrt auch für Militärangehörige den Alltag von Veteranen dokumentieren, die aufgrund ihrer Verletzungen das Augenlicht verloren haben.
    Was in den folgenden Tagen entsteht, ist eine eindringliche Photo-Reportage, die sich allerdings von anderen Reportagen, wie man sie von Libkos kennt, grundlegend unterscheidet. Während sonst häufig das Äußerste an Gefahr und Schmerz und Not den Mittelpunkt ihrer Arbeit bildet, führen die Abgeschiedenheit dieser Therapieeinrichtung in den Bergen für Menschen mit Einschränkungen und das Gleichmaß des Alltags im Haus offenbar wie von allein dazu, daß mehr daraus wird als eine Reportage, die klar, ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten und noch unter der schlechtesten Beleuchtung zeigen will, was ist.
    Aus dem Aufenthalt in Jaworiw geht mit der Reportage auch ein Essay in Bildern hervor, ein photographierendes Nachdenken über das Sehen selbst wie über die Frage, was wir sehen, wenn wir Nicht-Sehende betrachten, was wir sehen, wenn wir Zeit in Gegenwart von Erblindeten verbringen.
    Die rund einhundert von Libkos freigegebenen Bilder aus dem ukrainischen Westen zeigen durchaus unverstellt, was ist, zugleich jedoch führen sie uns, ohne daß wir auf ihnen abgebildet wären, vor Augen, was wir tun, wenn wir ein außerordentliches Geschehen verfolgen.
    Dies erschließt sich unmittelbar anhand der Gesten, der Mimik, des Blicks von Angehörigen auf einer Reihe von Familienporträts, die Libkos während ihrer Zeit in Jaworiw aufnehmen.
    Alles auf diesen Familienbildern ist zerbrechlich. Vielleicht darum haben die Liberows entschieden, sie in schwachem Umgebungslicht aufzunehmen. Im Hintergrund rückt die Wand ins Dunkel, im Vordergrund saugen moosgrüne Polstermöbel das Tageslicht auf. Ein junger Mann sitzt dort, er trägt eine schwarze Hose und ein schwarzes Hoodie, darauf die Abbildung eines Totenkopfwikingers vor gekreuzten Streitäxten. Er hat seine Sonnenbrille aufgesetzt. Die junge Frau neben ihm blickt in die Kamera. Sorgenvoll, und so, als wäre ihr nicht wohl dabei, photographiert zu werden.
    Das Paar wirkt angespannt. Beide, als warteten sie nur darauf, daß der Phototermin vorüber ist. Ihre Hände berühren sich nicht.
    Auf einem anderen Familienporträt herrscht mehr Bewegung, wohl einfach, weil ein etwa neunjähriger Junge in einem curryfarbenen T-Shirt neben seinen Eltern zu sehen ist. Die Mutter legt ihm – im selben Halblicht, auf demselben moosgrünen Möbel – von hinten den rechten Arm über die Schulter und versucht zu lächeln, wobei sie die Augen fast schließt. Ihr Mann daneben, im Vordergrund, scheint das linke Auge geschlossen zu halten, während das rechte offen ist, ohne einen bestimmten Punkt im Raum zu fixieren. Ich bin mir unsicher, ob es nicht ein Glasauge ist. So ist der Junge das einzige Familienmitglied, das in die Kamera sieht. Und wie in einer plötzlichen Umkehr scheint die Mutter den Sohn nicht mehr zu stützen, vielmehr ist es, als trage der Junge alle Last, mit der diese Familie umzugehen lernen muß.
    Am Tag ihrer Ankunft, am Mittwoch, dem 27. März, gehen Wlada und Konstantin Liberow noch nicht so nah an die Menschen heran. Sie begleiten den Minenentschärfer Wlad und seine Frau, denen sie bereits im Vorjahr eine Porträtserie gewidmet haben, bei der Raumorientierung im Mikrobereich. Sie besuchen einen erblindeten Soldaten im Tanzunterricht. Sie photographieren im Kraftraum.
    Porträts entstehen am ersten Tag beiläufig, aus dem Therapiezusammenhang heraus, etwa in der Küche. Alle Tätigkeiten, die man schon einmal beherrscht hat, muß man von neuem erlernen, wenn man sich ihnen ohne Augen zuwendet. Wie trennt man das Eigelb vom Eiweiß. Wie gießt man Wasser in ein Glas, bis es voll ist, ohne die Wasseroberfläche dabei immer wieder mit dem Finger zu ertasten. In der Küche herrscht unter den Männern hohe Konzentration ebenso wie große Gelassenheit, und man sieht, wie sie miteinander lachen.
    Am zweiten Tag liegt die Landschaft unter einem grau-milchigen Himmel, es herrscht stumpfes Licht. Die Familienporträts entstehen. Krankengymnastik. Die Liberows besuchen den Braille-Unterricht.
    Am dritten Tag, dem 29. März, scheint über den Kämmen von Jaworiw eine herrliche, klare Sonne in klarer Luft. Eine Gruppe von vier erblindeten Soldaten unternimmt gemeinsam mit ihren Mobilitätstrainern und dem Photographenpaar einen Ausflug in die kleine Stadt Turka, an der Eisenbahnlinie von Lwiw nach Uschhorod gelegen.
    Vor der Abfahrt entstehen spontan noch ein paar Porträts auf dem Vorplatz, mit den tiefdunklen hölzernen Balkonen des Hauses als Hintergrund. Alle sind warm angezogen. Man spürt die gespannte Erwartung, insbesondere ein bärtiger junger Mann scheint vom einen Bild zum nächsten zwischen Vorfreude und Sorge zu schwanken. Er trägt einen Anorak mit Tarnmuster und eine stahlblaue Wollmütze, und es ist, als leuchteten seine Glasaugen im Morgenlicht. Das gibt seinem Gesicht einen freundlich-melancholischen Ausdruck.
    In Turka folgt die Kamera der Liberows insbesondere ihm. Der Mobilitätstrainer ist immer an seiner Seite und behält den Boden im Blick, Bordsteine, Kiesflächen, Löcher im Fußweg. Einmal faßt er dem freundlichen Melancholiker sanft an die linke Schulter, als unmittelbar vor ihnen ein kleiner, tannengrüner Lastwagen anhält.
    Auf einem verwaschenen Zebrastreifen überqueren sie eine schmale Straße, die Häuser auf der linken Straßenseite liegen im Schatten, die Häuser auf der rechten in der Sonne, im Hintergrund weitet sich die Welt. Beim Anblick dieser Szene sehe ich mich selbst darin, dies könnte genausogut jene kleine Straße sein, die ich während einiger Tage in Uschhorod jeden Morgen überquert habe, später im September 2023, nachdem Olaf Scholz seine Augenklappe wieder abgelegt hatte.
    Eine kleine Serie nehmen die Liberows außerdem vor einem auffälligen Gebäude auf, auffällig sicherlich besonders für mich, den Menschen aus dem Westen, weil es in jenem für mich ostblock-typischen Türkis gestrichen ist, in einem stark milchigen, zwischen Grün und Blau changierenden Ton, der eher an eine bedrohlich sich nähernde Gaswolke denken läßt als an eine Tauchpartie in glasklarer tropischer See. Seit dem Ende des Sozialismus hat diese Farbe für mich seltsamerweise nach und nach etwas Behagliches, Vertrautes gewonnen. Bei dem Gebäude selbst wüßte ich nicht zu sagen, ob es in den zwanziger oder den siebziger Jahren errichtet wurde. In großen weißen Buchstaben auf rotem Grund zieht sich auf der Fassade ein Schriftzug hin: UNIVERMAG.
    Unter dem Schriftzug sieht man die vier in einer Nische zusammenstehen, auf anziehende Weise in einer Spannung zueinander arrangiert, der man anmerkt, daß Wlada und Konstantin Liberow bis Anfang 2022 davon gelebt haben, Hochzeitsgesellschaften zu photographieren.
    UNIVERMAG – der Name einer sowjetischen Kaufhauskette. Ich kann nicht erkennen, ob das Gebäude noch genutzt wird. Andere Menschen sind nicht zu sehen. Auf einem Bild dieser Reihe hockt ein Erblindeter im Vordergrund und hält das Kinn in der Hand, tief in Gedanken. Hinten am Gebäude steht, wie in einer behutsamen, äußerst dramatischen Bühneninszenierung, ein zweiter, zur Seite gewandt. Beide wurden nach der Auflösung der Sowjetunion geboren. Den Schriftzug über ihren Köpfen können sie nicht lesen. Ob sie mit dem Namen UNIVERMAG etwas verbinden, weiß ich nicht. Bei mir, einem nicht mehr jungen, sehenden Deutschen, der tief in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts steckt, klingt mit dem Wort UNIVERMAG etwas an.
    Mit dem Eindringen der Roten Armee in den Keller einer Filiale des Kaufhauses UNIVERMAG, in dem die Wehrmacht das Hauptquartier der sechsten Armee eingerichtet hatte, endete am 31. Januar 1943 die Schlacht von Stalingrad. UNIVERMAG – das ist ein Schriftzug nicht nur in Rußland, nicht nur in der Ukraine, es ist auch ein Schriftzug in der Welt meiner Großeltern.
    Auf einem letzten Bild der Reihe steht der melancholische Mützenträger allein vor dem UNIVERMAG, mit den Ellbogen auf eine Mauer gestützt, sein Langstock liegt zusammengeklappt vor ihm.
    Mit der Spitze seines kleinen Fingers faßt er sich vorsichtig in den Augenwinkel. Die Bewegung erfolgt so selbstverständlich, so natürlich, man ist überzeugt, er versuche, ein kleines Insekt aus seinem linken Auge zu entfernen, ohne daß sich die Lider dabei im Reflex schließen.
    Er hält den Kopf ganz still.
    Er hat die Augenbrauen hochgezogen.
    Sein Glasauge stört ihn.
    Er schiebt es zwischen den Lidern zurecht.
    Doch man meint, mit dem kleinen Finger prüfe er zaghaft, ob sich nicht doch ein Augapfel in der Höhle befindet.
    Bevor ich dies alles sah, wußte ich so wenig.
    Ich wußte nicht einmal, daß ein Glasauge keine Kugelform hat.

 

*

 

In meiner Kindheit, Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, sah man im öffentlichen Raum nicht eben häufig Versehrte. Merkwürdig eigentlich, wenn man bedenkt, daß der Zweite Weltkrieg noch keine drei Jahrzehnte zurücklag und viele ehemalige Soldaten, die schwere Verletzungen davongetragen hatten, demnach erst Mitte Fünfzig waren, kein Alter, in dem man sich aus dem Leben zurückzieht. In Kiel-Schilksee gab es einen Einarmigen, vor dem wir uns fürchteten. Wir nannten ihn Frieder, und wenn er auf dem Weg zum Strand auftauchte, liefen wir schreiend davon. Uns war klar, daß von ihm keine Gefahr drohte. Wir waren Bestien.
    Neben Frieder gab es in der Kieler Zeit nur eine weitere Person mit einer sichtbaren Verletzung, mit der ich etwas verband, sofern sie nicht überhaupt der einzige weitere versehrte Mensch war, den ich schon einmal gesehen hatte: Mosche Dajan, der Verteidigungsminister Israels, mit seiner Augenklappe. Heute habe ich keine Erklärung, warum mir als Vier- oder Fünfjährigem der Name Mosche Dajan ebenso etwas sagte wie der Begriff »Sechstagekrieg«. Ja, meine Eltern werden über Ereignisse der unmittelbaren Zeitgeschichte gesprochen haben, und wenn ich morgens aufstand, hörte ich aus der Küche schon das Radio. Warum jedoch setzen sich genau diese Momente im Kopf eines Kindes so fest, daß ich mich bis heute nicht nur an Namen und Begriffe, sondern auch an die Umstände erinnere, unter denen ich mit ihnen in Berührung kam?
    Darüber habe ich nun mehrere Jahrzehnte nachgedacht, und indem ich die Frage hier jetzt schriftlich formuliere, kommt mir auch die sehr einfache Antwort in den Sinn: Als wir 1968 nach Kiel zogen, war mein Vater erst vor kurzer Zeit aus der Bundeswehr ausgeschieden, nachdem seine Laufbahn als Fallschirmjäger mit einem Sprungunfall an ein Ende gekommen war. Wenn nun eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen mehreren Ländern ausbrach, befiel mich – wie meine Eltern – die Sorge, mein Vater könnte wieder in den Dienst zurückversetzt werden, sollte sich der Krieg ausweiten. Die so konkrete, zugleich unbestimmte Angst meiner Eltern, fast eine Kinderangst, ging auf mich über, und wenn man nichts tun kann, wenn man hilflos ist, kann man sich wenigstens Namen merken. Warum sonst sollte ich absurderweise noch heute Namen von Verteidigungsministern der Bundesrepublik aus meiner Kindheit kennen, längst vergessene Namen wie Hassel oder Leber?
    Deutsche Politiker, das waren Sitzgestalten in dunklem Anzug, weißem Hemd und mit Krawatte. Sie führten Lederaktentaschen mit sich, hielten Beratungen ab in fensterlosen Räumen mit niedriger Decke, und wenn sie einmal nicht an einem Tisch saßen, fuhren sie in schwerfälligen schwarzen Limousinen umher.
    Mosche Dajan dagegen war drahtig, er trug Khakikleidung, und wenn er sich in einem Fahrzeug bewegte, dann war dies in meiner Kinderphantasie ein Wüstenjeep. Schwerfälligkeit konnte er sich nicht leisten. Er verkroch sich auch nicht in fensterlosen Räumen, meist sah man ihn unter freiem Himmel in der Sonne. Neben dem Anflug eines Lächelns zeigte sich große Entschlossenheit in seinem Gesicht. Und wenn man auch wußte, daß er sein linkes Auge tatsächlich verloren hatte, bei einer Militäroperation im Libanon im Sommer 1941, stellte die Augenklappe mehr dar als einen Schutz. Sie gab seinem Blick etwas Verwegenes. Ich glaube, für mich, den Vier- oder Fünfjährigen, war Mosche Dajan der Inbegriff eines tapferen Mannes.
    Als Olaf Scholz am 4. September 2023 mit einer Augenklappe an die Öffentlichkeit trat, wurde nur hier und da am Rande eine Verbindung zur optischen Erscheinung von Mosche Dajan gezogen. Eine Figur aus einer untergegangenen Epoche.
    Als vier Wochen darauf die Hamas Israel überfiel und auf dem Musikfestival Supernova ein Massaker beging, hätte man sich an Mosche Dajan erinnern können. Die Augenklappe von Olaf Scholz jedoch wäre einem in diesem Zusammenhang nicht mehr in den Sinn gekommen. In der Medienerinnerung lagen nun die unbeschwerten Augenklappentage des Bundeskanzlers eine Ewigkeit zurück.

 

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Meine erste Begegnung mit Menschen, die eine Augenklappe tragen, ist auch meine erste Begegnung mit Menschen, die eine andere Sprache sprechen als ich.
    Ein Nachmittag Anfang der siebziger Jahre, und ich bin noch ein Kindergartenkind. Meine Mutter arbeitet als Telefonistin bei der Marine. Die Besatzung eines englischen Zerstörers, der in Kiel zu Gast ist, plant ein Kinderfest – für die Kinder der Besatzungsmitglieder, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Warum aber halten sich neben den Mitgliedern der Royal Navy auch ihre Familien in Kiel auf? Ich weiß es nicht. Für das Fest wird nach einer Betreuerin gesucht, meine Mutter meldet sich, die jüngste im Kreis ihrer Kolleginnen. Sie fragt, ob ihr Sohn mit dabeisein dürfe. Ja, das darf er.
    Am frühen Nachmittag kommt ein militärgrüner VW-Bus in den Kindergartenhof gefahren, ein uniformierter, vertrauenerweckender junger Mann steigt aus, ein sehr junger Mann, denke ich heute, und im selben Moment: Er wird Anfang, Mitte Zwanzig gewesen sein wie meine Eltern auch. Er bringt mich hinunter zum Hafen. Ich weiß nicht mehr, ob er Deutsch mit mir spricht, oder ob ich in seiner Gesellschaft bereits in die Sprache des bevorstehenden Nachmittags eintauche.
    An der Mole werde ich von meiner Mutter erwartet. Wir steigen aufs Schiff. Die gesamte Besatzung hat sich als Seeräuber verkleidet, mit Pumphosen und Stiefeln und Säbel und Kopftuch. Überall weht die schwarze Fahne mit dem weißen Totenkopf. So etwas habe ich noch nicht erlebt.
    Ich erinnere mich nicht mehr an die vielen unterschiedlichen Spiele, die wir gespielt haben, sehr genau aber erinnere ich mich an die aufgemalten Bartstoppeln der Männer. Männer mit aufgemalten Bartstoppeln und Augenklappe.
    Ihre Freude am Piratenfest ist nicht geringer als unsere. Alles ist herrlich an diesem Nachmittag. Die Welt ist unendlich groß. Sie steht uns allen offen. Ich erinnere mich zudem ganz einfach daran, daß diese Seeräuber nicht meine Sprache sprechen, und ich nicht ihre Sprache, und daß wir uns trotzdem sehr gut verstehen.
    Wie sonst hätte ich begreifen sollen, was mir ein Pirat zum Umgang mit der Angel erklärt, achtern, wo wir Kinder in einer Reihe nebeneinanderstehen und die Rute auswerfen, bis ein Fisch nach dem Haken schnappt? Ich hole die Angel ein, statt eines Fisches hängt eine Süßigkeit daran.
    Mein Vertrauen in die englische Sprache ist mir immer geblieben. Und ein leichtes Mißtrauen, wenn jemand es nicht mit mir teilt.
    Nichts an diesem Nachmittag strahlt etwas Bedrohliches aus. Und dies, obwohl wir uns auf einem Zerstörer befinden. Hier kann uns nichts passieren. Wir, das sind zahllose englische Kinder und ich, sind neben mir insbesondere ein Mädchen, ein oder zwei Jahre älter als ich, und sein kleiner Bruder.
    Ich weiß nicht, ob ich Alice im Wunderland bereits kannte oder ob meine Eltern mir das Buch nicht erst später vorlasen. Dieses Mädchen in seinem weißen Sommerkleid, adrett und wohlerzogen und fürsorglich um seinen Bruder bemüht, wagemutig, in Erwartung immer einer überraschenden Neuigkeit, offen und geheimnisvoll, und damit alles andere als langweilig: Dieses Mädchen könnte meine Alice gewesen sein.
    Als wir am frühen Abend aus der Stadt wieder zu Hause sind, sehe ich mich im Fernsehen. Im Magazin mit Regionalnachrichten gleitet die Kamera über eine Reihe von Kindergesichtern, Kinder, die nicht bemerken, daß sie gefilmt werden: das englische Mädchen, sein Bruder und ich.
    Ich bin nicht blond, und ich trage keine Brille, deren eines Glas abgeklebt ist.
    Jener Sommernachmittag mit einem Piratenfest auf einem britischen Kriegsschiff im Marinehafen in Kiel-Wik war der Anfang von etwas. Auch wenn ich dieses »Etwas« heute so wenig fassen kann, wie ich es damals, als Fünf- oder Sechsjähriger, hätte fassen können. Ohne den Nachmittag wäre ich nicht zu demjenigen geworden, der irgendwann einen Weg einschlug ohne klar umrissenen Verlauf und ohne beschreibbares Ziel, einen Weg, auf dem die Sprache jene Sicherheit gibt und jene Unsicherheit auslöst, von der sie selber spricht.
    Aber wer weiß. Eines Tages werde ich vielleicht die Taschenkalender meiner toten Mutter von Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre durchsehen, und alles dies wird sich als Lüge erweisen.

 

*

 

Die Augenklappe war, trotz aller Mißlichkeit, ein kleines Glück.
    Bis zur Augenklappe hatte es schon eine ganze Reihe von Bildoffensiven gegeben, mit denen Olaf Scholz in ein neues Licht gerückt werden sollte, ohne daß deutlich geworden wäre, wie er in diesem neuen Licht hätte auf den Betrachter wirken sollen.
    Irgendwann drehte er ein kleines, anheimelnd gemeintes Aktentaschenvideo. Es ist mir lebhaft in Erinnerung geblieben. Ein Aktentaschenvideo von einer solchen Verlorenheit, daß es sich ins Gedächtnis eingraben muß.
    Mir ist das Video in Erinnerung geblieben, weil man Olaf Scholz anmerkt, daß er seine lederne Aktentasche wirklich gern mag. Daß er sie jeden Tag von Neuem gerne mit zur Arbeit nimmt. Eine alte, erkennbar alte Aktentasche. Eine Aktentasche, die mich wiederum an andere Aktentaschen erinnert.
    Die eine gehörte meinem Großvater. Die Szene, in der ich sie vor mir sehe, habe ich selbst gar nicht erlebt, ich kenne sie nur aus der Erzählung meiner Großmutter, ich habe sie nun auch schon viele Male wiedererzählt und werde sie noch viele Male wiedererzählen. An einem Oktoberabend 1973 wartete meine Großmutter auf die Rückkehr meines Großvaters von der Arbeit, als es an der Wohnungstür klingelte. Ein aufgewühltes junges Paar bat meine Oma, den Notarzt und die Polizei anzurufen. Sie hätten soeben unmittelbar vor dem Haus einen Mann angefahren. In der Regendunkelheit hätten sie ihn auf dem nassen Asphalt nicht rechtzeitig gesehen, als er die Straße überqueren wollte.
    Als der Arzt und die Sanitäter eintrafen, stand meine Oma mit ihren Nachbarn draußen an der Straße und fragte sich nun schon unruhiger, wo mein Opa bleibe. Als der verletzte, bewußtlose Mann auf die Trage gehoben wurde, fiel seine Aktentasche auf den Asphalt, und aus der Aktentasche fiel seine Brotbüchse heraus. Meine Oma erkannte sie am Geräusch. Sie selbst hatte die Brotbüchse am Morgen gefüllt, bevor mein Opa zur Arbeit aufgebrochen war. Auch ich werde die Aktentasche meines Großvaters unzählige Male gesehen haben, doch in Erinnerung geblieben ist sie mir nur in dieser einen, erzählten Situation.
    Das andere Aktentaschenbild entstand wenige Jahre später, und ich habe es vielleicht nur darum behalten – oder überhaupt entdeckt –, weil ich seit dem Herbst 1973 ein Bild der Aktentasche meines Opas auf dem Asphalt vor Augen habe. Zwei Aktentaschen sind es, die meine Aufmerksamkeit wecken, auf einigen der vielen Photos vom Morgen des 7. April 1977, als in Karlsruhe der Generalbundesanwalt Siegfried Buback auf dem Weg zur Arbeit am Bundesgerichtshof von der RAF ermordet wurde. Immer wieder sieht man auf den Bildern den großen Mercedes, schräg auf dem Fußweg zum Stehen gekommen, man sieht den Wagen aus unterschiedlicher Perspektive und Entfernung. Der Blick richtet sich zunächst auf die schwarze Limousine, doch nahezu im selben Moment wird er abgelenkt von zwei weißen Stellen, die eine mitten auf der Straße, die andere rechts im Rasenstreifen. Es sind die Leichentücher, unter denen Begleiter Siegfried Bubacks liegen.
    Ein Anblick, so erschütternd, zumal auf einem deutschen Pressephoto aus den siebziger Jahren, daß man Gegenständen im Randbereich der Photographien keine weitere Aufmerksamkeit schenkt. Mir jedoch fielen sie schon damals auf: zwei lederne Aktentaschen auf dem Asphalt, wie an das linke Hinterrad der Limousine gedrückt, wie aneinandergeschmiegt.
    Wie kommt man nun aber aus den trüben, den traurigen siebziger Jahren, wie kommt man aus den schwarzweißen Aktentaschenjahren heraus und hinein in das 21. Jahrhundert, ohne sich mit dieser Bewegung völlig aus dem historischen Raum zurückzuziehen? Hier entfaltet die Augenklappe ihre Wirkung.
    Im Vergleich zu den ganzen nicht eben glücklichen Bildinszenierungen, bei denen man einen begreiflicherweise nicht eben glücklichen Olaf Scholz zu sehen bekam, stellte das Augenklappenporträt vom 4. September 2023 eine Besonderheit dar. Ein kleines, wenn nicht sogar ein größeres Glück.
    Die Augenklappe traf einen Nerv. Er, der sonst in der Öffentlichkeit das Bild eines Unwandelbaren abgab, verwandelte sich. Zwei Wochen lang sah die Welt in Olaf Scholz einen freundlichen, selbstironischen, nicht eben gefährlichen oder gar angriffslustigen Piraten, den man gleichwohl nicht unterschätzen sollte. Auffallend viele Bilder entstanden in dieser Zeit, auf denen man den Bundeskanzler lächeln sieht.

 

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Manche dokumentarischen Videoaufzeichnungen aus Kriegsgebieten setzen so unspektakulär ein, daß man, mit einiger Erfahrung, fast von Anfang an ahnt, nach einer Weile wird das vorgeführte Routinegeschehen blitzhaft in Hyperaktivität umschlagen. Auf eine Sequenz hektischer Bewegung, verwackelter Bilder folgt dann entweder Schwarzbild, oder die Welt hat sich – sobald man wieder etwas sieht – innerhalb der zurückliegenden Sekunden auf eine solch einschneidende Weise verändert, daß für den Filmenden oder den Gefilmten nichts mehr so sein wird, wie es bis dahin war.
    So geht es auch einem russischen Soldaten, auf dessen Videoaufnahme ich im Juli 2024 unvorbereitet stieß – unvorbereitet insofern, als der Account, auf dem sie hochgeladen wurde, sonst nicht darauf abzielt, Besucher mit grausamen Bildern in inneren Aufruhr zu versetzen. Ein Video, von dem ich mir nachher wünschte, ich hätte es nicht gesehen, und nicht nur darum ein Video, das ich nie wieder gesehen habe.
    Als ich mich wenig später – nun doch – eines Details darin vergewissern wollte, war es bereits gelöscht. Ein Video wie viele, die man in anderen Bezirken des Internets zu sehen bekommen kann, sofern es einen danach verlangt, und ein Video, das anzuschauen ich niemandem empfehlen würde.
    In dieser Aufnahme taucht nur ein einziger Mensch auf, und die längste Zeit der knapp drei Minuten wird man nicht einmal ihn sehen. Erst gegen Schluß nimmt der Film eine Wendung, mit der eine menschliche Gestalt in den Blick rückt, so daß man sie einen Moment lang in Ruhe betrachten kann: ein Mann von Mitte, Ende Zwanzig, mit kurzem blonden Haar. Ein Video in der ersten Person Singular, wie man sie aus Browserspielen, aus The Hunger Games oder aus Gedichten kennt.
    Ein Mann mit einer Stimme, aber ein Mann ohne Gesicht.
    Alles, was wir zu sehen bekommen, wird von seiner Helmkamera aufgenommen. Als der Soldat einmal den Kopf senkt und den Blick über seinen eigenen Schatten am Boden gleiten läßt, erkennt man die Kamera sogar. Der schmale, aufragende Fortsatz an der Stirn einer menschlichen Silhouette, fast wie ein Horn.
    Der Soldat ist außer Atem. Als Späher bewegt er sich im offenen Gelände, auf einem Feldweg, mitten in einer flachen, nicht sonderlich abwechslungsreichen, kaum bemerkenswerten Landschaft irgendwo im Osten der Ukraine. Der Boden hat eine schöne, dunkle Färbung, guter Boden. Links und rechts Flächen bis zum Horizont, es könnten Felder sein, doch sind sie nicht bestellt, es wächst nur niedriges, festes, helles Kraut. In einiger Entfernung auf der linken Seite ein Gehölz, ein paar vom Kriegsgeschehen offenbar schwer in Mitleidenschaft gezogene Bäume ohne Laub.
    Der Himmel ist hell und weit, die weißen Wolken ziehen.
    Der Mann spricht, spricht sowohl vor sich hin als auch mit einem unsichtbaren Gegenüber, dessen Stimme zwischendurch zu hören ist. Mit seinem Funkgerät hält er Kontakt zu einem Kameraden oder seinem Vorgesetzten. Worüber die beiden sprechen, weiß ich nicht, weil ich Russisch nicht verstehe. Mag sein, der Soldat beschreibt, was er vor sich sieht. Oder er fragt sich laut, wie viele Schritte er noch gehen wird, bis er auf den gut versteckten Gegner trifft.
    An einer Stelle des Videos beginnt er, etwas aufzusagen, dem Ton nach einen Merksatz, eine Kinderzeile, eine Aufforderung an sich selbst, den Mut nicht zu verlieren.
    Danach dauert es nicht mehr lange, und alles, was er von sich gibt, fügt sich zu einer großen Klage. Sein Atem, seine Worte, jeder Ton. Zuvor hat er konzentriert den Himmel über sich abgesucht. Er hat sich auf den Boden geworfen und geschossen. Er ist weiter gelaufen, bis ein Objekt durch die Luft auf ihn zugerast kam, das er nicht mehr rechtzeitig abwehren konnte.
    Er schreit auf vor Schmerz, er flucht, er spricht sehr laut ins Funkgerät. Dann steht er auf und läuft, so gut er kann, in die Richtung zurück, aus der er kam. Alles ist Klage. Er weint ohne Tränen, er stöhnt, er jammert, ohne einen Jammerlaut von sich zu geben. Er ruft noch zwei, drei Sätze, danach atmet er nur noch schwer.
    Links und rechts nichts weiter als freies Feld, nirgendwo eine Möglichkeit, sich zu verstecken.
    Im darauf folgenden Video-Moment jedoch springt er in ein geschütztes Areal, die Kamera zeigt Sträucher, Bäume unmittelbar ringsum.
    Die Kamera bewegt sich nicht mehr weiter, bleibt aus dem Gras heraus auf einen Baum gerichtet.
    Auch der Soldat liegt im Gras, es fällt ihm schwer, sich zu bewegen. Er richtet sich auf, kippt zur Seite, richtet sich wieder auf. Nach und nach schiebt er sich rückwärts den Fuß des Baums hinauf, bis er halbwegs aufrecht sitzt. Er schaut in die Kamera.
    Und nun sehe ich auch, worum er klagt. Die Klage gilt seinem rechten Auge. Es hängt als kleiner weißer Ball aus der Augenhöhle heraus.
    Er klagt. Die Klage um sein rechtes Auge hat dem Ton nach etwas von einem Requiem. Er steht unter Schock, ist außer sich, traumatisiert, er weiß noch nicht um den heftigen Schmerz, der sehr bald einsetzen wird.
    Seine Worte, seine Atemzüge kommen einer Abschiedsrede gleich.
    Still sieht er in die Helmkamera, die vor ihm auf dem Boden liegt. Er wendet sich an alle, die dieses Video jemals sehen werden. Und selbst, wenn ich seine Worte nicht verstehe, richtet sich alles, was er gesprochen hat, auch an mich.
    Denn er weiß, in seiner Welt gibt es keinen Trost. Nicht in dieser kleinen Welt, in der er sich während der Aufnahme aufhält oder die um ihn herum entsteht, indem er spricht, dieses Nichts von einem Stück Landschaft mit Sträuchern und einem laublosen Baum, an den man sich lehnen kann, doch immerhin so etwas wie eine Idylle, ein kleines Paradies im Vergleich zum offenen Feldweg, denn hier bleibt er ja anscheinend – zumindest für die Augenblicke, die ich in seiner optischen und akustischen Gegenwart verbringe – von den gegnerischen Drohnen unentdeckt.
    Trost gibt es für ihn auch nicht in seiner großen Welt, der Welt des russischen Militärs, mit der er über sein Funkgerät in Verbindung gestanden hat. Von dort wird er Trost auch nicht erwarten. Wer Schwächeren gegenüber Schwäche zeigt, ist schwach.
    Er klagt. Er klagt niemanden an, fordert nichts ein. Er lehnt mit einer Schicksalsergebenheit am Baum, als habe er sich selbst zum Sterben gebettet. Er spricht weiter in die Kamera, spricht zu seinem unsichtbaren Gegenüber, das nun, während ich dieses Video sehe, aus mir besteht.
    Die Aura der Untröstlichkeit, von der diese Szenerie beherrscht wird, zwischen struppigen Sträuchern irgendwo in der ukrainischen Weite, macht es schwer erträglich, dieses Video anzuschauen, schwerer am Ende vielleicht als alles, was darin gezeigt wird, und sei es auch von einer solchen Drastik wie das aus seiner Höhle herausgelöste, als Augapfel zunächst nicht einmal wahrgenommene rechte Auge des Soldaten.
    Untröstlichkeit kann ich nachempfinden. Den gewaltsamen Verlust eines Auges nicht.
    Der Soldat in dem Video, das ich kein zweites Mal sehen möchte, wird dort sterben, wo er ist, in dieser kleinen, seiner letzten Welt. Erst kommt der Schmerz, dann kommt die Ohnmacht, noch einige Stunden vielleicht, und er wird seinen Verletzungen erlegen sein. Jener Welt, aus der er stammt, ist es gleichgültig, ob er im Sterben zwei Augen hat oder nur eines.

 

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Was sollen wir sehen, wenn uns die Moskauer Justizbehörden im März 2024 in einem Glaskäfig einen Mann vorführen, den man gezwungen hat, sein rechtes Ohr zu essen?

 

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Ich könnte mir vorstellen, die Augenklappenbilder spenden Olaf Scholz rückblickend tatsächlich noch einmal so etwas wie Trost. In jenen zwei Wochen im September 2023 schien mit einem Mal alles möglich, welche Gestalt auch immer dieses »Alles« hätte annehmen können. So hielt er – wenn auch nur mit einem Auge – aufmerksam in alle Richtungen danach Ausschau.
    Bilder, die einen Verletzten zeigen, als Bilder des Trostes.
    Die Sache mit der Augenklappe sollte sich als die glücklichste bildpolitische Kampagne während der gesamten Amtszeit des Bundeskanzlers Olaf Scholz erweisen.

 

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Irgendwann im Laufe dieser Wochen fällt mir ein, daß ich im September 2023 tatsächlich Momente wie in einer Nebenwelt verbracht habe, nämlich in der Universitätsklinik hier in Dresden, einer in Teilen fast in sich geschlossenen Welt, mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und einer eigenen Grundstimmung, die sich von der Stimmung in den angrenzenden Vierteln unterscheidet. Auf dem Gelände gibt es den plötzlichen, die Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Lärm, das ohrenbetäubende Rotorenknattern, wenn der Rettungshelikopter mit einem Unfallopfer auf dem Dach der Chirurgie landet, es gibt die Stille auf den Stationsfluren, als sei dort seit Tagen niemand mehr entlanggegangen, bis irgendwann doch, unsichtbar, medizinisches Besteck klappert oder ein Telefon läutet und jemand spricht. Von gleichmäßigem Verkehrsrauschen aber etwa ist man auf dem Gelände nicht umgeben, und man muß sich anstrengen, wenn man es, im Hintergrund der Stadt, hören will.
    Vom Sommer bis zum Novemberanfang war ich mehrmals dort zur ambulanten Behandlung in der Gesichtschirurgie, um ein eingewachsenes Barthaar entfernen zu lassen, das sich eingekapselt und entzündet hatte. Seit meiner Kindheit hatte ich mich nicht mehr als Patient in einem Krankenhaus aufgehalten.
    Ein Schnitt wurde gesetzt, ein Fremdkörper entfernt, die Wunde genäht, ein Verband angelegt, das weitere Vorgehen besprochen, alles sehr ruhig und ohne Schmerzen und ohne inneren Alarm, und dann ging ich, ein wenig benommen, einmal quer durch das – so kam es mir vor – gesamte Gebäude hinüber zum Atelier der Hausphotographin, die meinen akuten Zustand zu medizinischen Lehrzwecken festhielt.
    Wann immer ich einen Termin in der Gesichtschirurgie hinter mir hatte, unternahm ich einen Rundgang auf dem Gelände, sei es tatsächlich oder in Gedanken. Ich sah Menschen, die weit vom Land her kamen und in dieser kleinen Stadt innerhalb der großen Stadt Dresden heillos überfordert wirkten. Ich sah Menschen, die nicht ganz bei sich waren. Menschen, im Schmerz nach innen horchend. Ich sah Menschen, deren Blick in die Ferne glitt, als rechneten sie sich aus, ob ihnen die Flucht aus der Uniklinik gelingen würde. Daß sie mit einem steifen Bein und einem steifen Arm am Rollator lehnten, war noch nicht in ihr Körperverständnis eingedrungen.
    Die einen sehen ins Leere, die anderen suchen einen Halt, suchen den Blickkontakt: Warum sollte man ihren Blick nicht erwidern, warum sollte man ihnen diese Form von Trost verweigern?
    Warum sollte man Menschen dann nicht auch fragen können, ob man sie photographieren darf?
    Auch ich hatte mich schließlich ohne Bedenken, ohne mich für mein Aussehen zu schämen, im Rahmen der medizinischen Dokumentation mit meinem entstellten Gesicht photographieren lassen.
    Ob ich seinerzeit in der Uniklinik auch Patienten mit einer Augenklappe sah, weiß ich heute nicht mehr.
    Ebenso weiß ich nicht mehr, ob ich in jenen Tagen bereits von dem ukrainischen Jungen Roman Oleksiv gehört hatte, der hier viele Monate lang behandelt wurde und gerade erst, Mitte August, mit seinem Vater zurück nach Hause gereist war.
    Die Geschichte des siebenjährigen Roman ist eine Geschichte wie nicht aus einem Europa des 21. Jahrhunderts: Im Juli 2022 war er in Winnyzja nach der gezielten Bombardierung durch die russische Armee aus einer brennenden medizinischen Einrichtung gekrochen. Mit einem gebrochenen Arm, ein Schrapnell war in seinen Schädel eingedrungen, seine Lunge eingedrückt von der Detonation. Im Feuer hatte er viel Haut verloren.
    Es war, als käme er kriechend aus einer Hölle, die meine deutschen Wehrmachtsgroßväter und -urgroßväter ihm vor achtzig Jahren bereitet haben könnten, ans Licht. Seine Mutter blieb tot in den Ruinen zurück.
    Seine Überlebenschancen waren gering. Um so aufmerksamer wurde sein Weg verfolgt. Die von einem Sanitäter aus Hamburg gegründete Hilfsorganisation transportierte Roman aus der Ukraine nach Polen, von dort wurde er nach Dresden geflogen.
    Kontinuierlich wurde über ihn berichtet. Solange er im künstlichen Koma lag, und als er wieder wach war, und wie er Schritt für Schritt zurück ins Leben begleitet wurde. Jeder Fortschritt seiner Genesung war der Mitteilung wert.
    Auf den Begleitbildern sah man ihn stets mit einer den gesamten Kopf umschließenden Maske aus blauem Stoff, mit Löchern nur für seine Augen, die Ohren, die Nase und den Mund. Sie verhinderte, daß die transplantierte Haut in seinem Gesicht Narben bildete, wirkte jedoch auch irritierend. Denn der Junge unter der Maske lachte, wann immer er photographiert wurde, in der Physiotherapie beim Gehenlernen oder beim Akkordeonspielen, mit dessen Hilfe er seine noch immer bandagierten Hände trainierte, und es hatte nicht den Anschein, als wolle er sich, als wolle er sein Gesicht vor der Welt verstecken.
    Die Nebenwelt, in der ich mich im September 2023 als Patient bewegte, hatte ihre eigenen Geheimnisse, das war ihr anzusehen. Geheimnisse jedoch, die nichts Beunruhigendes ausstrahlten. Alles dort auf dem Gelände der Universitätsklinik kam mir merkwürdig vertraut vor, die Halle in Haus 27 mit ihrem anscheinend immerzu geschlossenen kleinen Kiosk und den Getränkeautomaten hätte ich auch schon als Kind oder als Jugendlicher durchqueren können, in anderen Städten, in anderen Krankenhäusern. Die Allee mit ihren Kirschbäumen hinter dem Haus 19 hatte ich doch irgendwann auch einmal in voller Blüte gesehen, und die Wacholderdrosseln auf der Wiese schauten mich an, als hätte ich sie schon einmal angeschaut.
    Mit einem Becher Automatenkaffee setzte ich mich auf eine Parkbank und rauchte eine Zigarette. Ich hätte auch in den verglasten Raucherpavillon gehen können, doch hielt mich etwas zurück, als sei er aufgrund eines ungeschriebenen Gesetzes den jungen Patientinnen und Patienten aus dem Haus 25 vorbehalten, der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Als führten sie dort, im gläsernen Schutzhaus, ihre Gespräche, von denen niemand wissen mußte, sei es, daß sie mit einem Gegenüber sprachen oder mit sich selbst.
    Ich saß dort und rauchte, und später rauchte ich dann nicht mehr, und heute weiß ich nicht mehr, ob ich an Roman Oleksiv dachte, an den Jungen, der in Winnyzja aus einer brennenden Arztpraxis ins Freie gekrochen war, der hier in der Uniklinik um sein Leben gekämpft hatte, der um seine Haut gekämpft hatte und der sich im Verlauf seines Heilungsprozesses photographieren ließ. Menschen sollten ihn sehen können, in seiner ganzen Versehrtheit und Traurigkeit. Kriegsphotographien aus dem Behandlungszimmer in einem sicheren Land. Die Haut an seinem Körper würde sein gesamtes weiteres Leben lang eine Erinnerung darstellen. Transplantierte Hautpartien unterschiedlicher Pigmentierung und Struktur, und mindestens so lange, wie der Junge noch im Wachstum begriffen ist, wird er auch Patient sein, wird man seine neue Körperhülle aufmerksam im Blick behalten müssen, für den Fall, daß die Haut nicht in derselben Geschwindigkeit mitwächst wie der restliche Körper. So treten die Bilder der Haut von Roman Oleksiv einer großen Nicht-Erinnerung namens Ukraine entgegen.
    Tatsächlich habe ich ihn später dann auch einmal gesehen, aus der Ferne, bei einer Erinnerungsveranstaltung, die der akuten Gegenwart galt, nämlich der Welt, aus der er stammt, der gegenwärtigen Ukraine an einem 24. Februar. Roman Oleksiv kam auf die Bühne – denn nach monatelangem mühevollen Training konnte er wieder gehen, und er stand am Mikrophon – denn nach monatelangem mühevollen Training konnte er wieder stehen, und er sprach ein paar Worte, weil er nach monatelangem mühevollen Training wieder sprechen konnte.
    Am Ende einer weiteren Phase von Untersuchungen und womöglich auch Operationen in Dresden verabschiedete er sich von der Stadt und ihren Menschen, da er bald mit seinem Vater zurück in die Ukraine reisen würde. Wenige Dresdner waren zu seinem Abschied gekommen. Er stand da gegen das große Nicht-Erinnern, das große Nicht-Hinsehen, das große Nicht-Wissenwollen. Allen, die gekommen waren, sah man ihre unendliche Erschöpfung an, die Erschöpfung von Jahren. Ob Roman seine Maske trug, habe ich entweder vergessen oder ich konnte es aus der Entfernung nicht erkennen. Es war Winter, und die Wintersonne schien hell.
    Auf dem Gelände der Universitätsklinik gibt es viele gute Plätze, an denen man sitzen und eine Zigarette rauchen kann. Zum Beispiel auch einen kleinen Park an der Hauptstraße, wo die Bushaltestelle liegt, den ich für mich immer den kleinen englischen Landhausgarten nannte, bis ich irgendwann begriff, daß es sich bei dem Gebäude im Hintergrund, an dessen Fassade man auch bei kühlerem Wetter eine Weile windgeschützt auf der Parkbank verbringen kann, nicht um eine exzentrische englische Mischung aus Kapelle und Kutscherhaus handelt, sondern um die Rechtsmedizin.
    Dort habe ich später am Abend manchmal gesehen, wie jemand, wohl ein Pfleger, aus der Chirurgie oder aus der Kinderklinik herüberkam und sich auf eine Bank setzte. Er saß da, drehte sich eine Zigarette, immer auf derselben Bank, immer in derselben Haltung, und dachte womöglich an aufwühlende Stunden zurück, in denen es um Leben und Tod gegangen war, in denen er Dinge gesehen hatte, von denen er zu Hause nicht hätte erzählen mögen.
    So still saß er auf seinem Platz, daß der wirklich schöne, wirklich stattliche Feldhase, dessen Schlafplatz wohl im näheren Umkreis der Rechtsmedizin lag, nicht zurückschreckte, nicht wieder umkehrte, als er bei Einbruch der Dunkelheit um die Ecke bog und einen Menschen auf der Bank sitzen sah. Der Pfleger nahm ihn nicht wahr, und so ging der Hase nach einem Moment des Zögerns, majestätisch, wie es nur ein Hase kann, zwischen Parkbänken, Sträuchern, Bäumen seinen gewohnten Dingen nach, vielleicht sogar ein wenig langsamer als sonst.
    Die Nacht legte sich über das Gelände, ein Bus nach dem anderen kam vorüber, man sah den Fahrer vorne im Halbdunkeln, der Fahrgastraum war hell erleuchtet, kaum eine Handvoll Menschen fuhr um diese Zeit noch mit über das Klinikgelände. Selten hielt ein Bus an der Haltestelle, so daß er das kleine englische Areal verdeckte, und irgendwann war erst der Feldhase, und dann war auch der Pfleger nicht mehr da.

 

 

– 20. September 2025