Lotti Spieler
I HAVE CAST FIRE IN THE WORLD, AND SEE, I AM GUARDING IT UNTIL IT BLAZES [1]
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SECHZEHN
1981 erhält die Human Interference Task Force vom US-amerikanischen Department of Energy und der Bechtel Cooperation den Auftrag, herauszufinden, wie sich die Gefahr, die von nuklearen Endlagern noch in 10.000 Jahren ausgehen wird, an kommende Generationen kommunizieren lässt. 1984 erscheint die „Zeitschrift für Semiotik“, die, angeregt von den Teilbefunden der HITF, neue Konzepte der Langzeitkommunikation vorstellt. Es ist ein extrem interdisziplinäres Forschungsfeld, das erste Mal wird gemeinsam mit Semiotikern, Linguisten, Science-Fiction-Autoren gearbeitet. 1993 einigt man sich in einem Bericht der Sandia National Laboratories auf diese zu übermittelnden Kernaussagen:
This place is not a place of honor … no highly esteemed deed is commemorated here … nothing valued is here.
What is here was dangerous and repulsive to us.
The danger is to the body, and it can kill.
FÜNFZEHN
Hinter mir liegen drei Generationen alleinerziehender Mütter. Sie ähneln sich alle in diesen Eigenschaften: Sie haben ein krankhaft autonomes Auftreten, wenig emotionale Weichheit und einen bewundernswert gleichgültigen Umgang mit Männern. Ohne Frage gehöre ich dazu, aber das ist nebensächlich.
VIERZEHN
Hungersteine oder Untiefen, menschlich gesetzte Markierungssteine, meist in Gewässern, mit Jahreszahlen, Gravuren, Verweisen auf extreme Trockenheit. Auf einem in der Elbe steht: Wenn du mich siehst, dann weine. Dieser ins Jetzt reichende Widerhall vergangener Stimmen, den die Atomsemiotik zu reproduzieren sucht. Wir ordnen uns ein, es ist ein Akt des Sortierens. This message is a warning about danger. Es meint: Mein Platz ist dort, wo ich Tochter bin; wo ich Tochter bin, kann ich zurückkehren, kann ich Tochter einer Tochter sein.
DREIZEHN
The danger is in a particular location … it increases towards a center … the center of danger is here … of a particular size and shape, below us. Wir wissen um den Tod, weil der Krebs da ist. Nicht, wann er kommt. Es gab eine Zeit, in der musste ich mir, jeden Rückweg eines Besuchs, in der S-Bahn, die volle Blöße geben. Die halbe Stunde Fahrt, von kleinerer in größere Stadt, durchplärren. Das Gefühl, eine Endgültigkeit zu haben, hämmerte mir in der Brust. Mit der Zeit schwächte sich das ab, normalisierte sich. Crisis fatigue oder: die konsequente Verarbeitung einer enormen, fast ungreifbaren Existenzangst. Dort, im Abfindungsmoment, liegt das Zentrum, das ein Dasein in der Gegenwart erst möglich macht, in dem ich Zeit mit meiner Oma verbringen kann.
ZWÖLF
Hier darfst du nicht graben! Eine Warnung sollte verständlich sein. Wichtiger: Eine Warnung sollte unmissverständlich sein. Es geht um die Beherrschung der Ambivalenz, jeder denkbaren Botschaft, es geht also mal wieder um Kontrolle. Ein Vorschlag: genetisch veränderte Katzen, die ihre Fellfarbe verändern, sobald sie mit radioaktiver Strahlung in Berührung kommen. Ein sich selbst durch Fortpflanzung erhaltendes Warnsystem. Man geht davon aus, Katzen und Menschen würden, auch in tausenden Jahren noch, gemeinsame Leben führen.
Es wäre z.B. möglich, die existenzielle Notwendigkeit dieser Strahlenkatzen über ein Lied zu vermitteln, das solch ein Ohrwurm ist, dass es eine derartige Zeitspanne übersteht:
don’t change color kitty,
keep your color kitty,
stay that pretty grey
don’t change color kitty,
keep your color kitty,
keep sickness away
please, cause if you do
or glow your luminescent eyes,
we’re all gonna have to move
so don’t change color
or flash your eyes,
lord knows if you do
I hope you think it’s
cozy in your travel case
because it’s time to move
the radiation, whatever that is,
is something we don’t want
cause it withers our crops
and it burns our skin
and it turns our livestock gaunt[1]
Dass niemand davon ausgeht, plötzlich leuchtende Katzen würden nicht, aus Angst vor dem Unbekannten, sofort getötet und damit langfristig ausgerottet werden …
ELF
The danger is to the body – ich weiß nicht, wie lange schon. Sie hat es mir nicht selbst gesagt, nie den Satz ICH HABE KREBS formuliert. Überhaupt ist noch nie das Wort Krebs zwischen uns gefallen. Sie spricht über Umwege: DIESE WELT IST NICHT MEHR FÜR MICH GEMACHT. Wie kann die pure, sprühende Kraft verletzlich sein, wie kann eine so starke Frau, eine so verhärtete Person jemals an etwas leiden. Gewiss muss es aus ihr heraus kommen – and it can kill. Kein äußerer Widerstand dürfte.
ZEHN
Stanislav Lems Atomblumen, angesiedelt um atomare Endlager, die zum einen durch ihre blaue Farbe ein Hinweis auf ein menschengemachtes Endlager sein sollen, zum anderen in ihrem genetischen Code die nötigen Informationen über den bewahrten Inhalt bei sich tragen.
Ich denke: Nicht einmal die Atomblumen sind Science-Fiction. Der Körper zieht mit. This place is a message and part to a system of messages … Wir sind das lebendige Archiv. pay attention to it! Alles zeichnet sich ab. Schlägt Kerben. Bleibt.
Die Halbwertszeit von Empfindungen: Ab wann ist etwas nicht mehr tödlich?
NEUN
Ich versuche sie, je näher ihr Tod rückt, zu kartografieren. Bin besessen von alten Fotos, Erzählungen, nage die Erinnerungsrinde, als gäbe es kein Morgen. Man kann Vergangenheit erzählen, um das Jetzt nicht zu sehen, man kann Vergangenheit erzählen aus Respekt. Sprechen, als gäbe es diese eine Gesundheit noch. Sagen: DU BIST MEHR ALS DEIN KÖRPER. Ein Versuch, die Zeiten gleichzusetzen, kommt mir nicht unergiebig vor. Während ich Früher und Später mit beiden Händen an ihren jeweiligen Leinen ziehe, werde ich Bindeglied. Wir nähern uns. Ich hätte nicht gedacht, dass sich fest vorgeschriebene Beziehungen noch einmal so in ihren Dynamiken ändern können.
ACHT
Die Erschaffung eines artifiziellen Mondes, auf dem atomare Endlager dokumentiert sind. Den Müll im Dornröschenschlaf wiegen: Eine künstlich angelegte Stahldornenlandschaft darüber errichten, eine massive Drohgebärde. Bauten, die durch ihre Statik ein unheimliches Geräusch erzeugen, wenn der Wind durch sie bläst. Eine Ansammlung von schwarzen, hausgroßen Blöcken, so dicht gebaut, dass es unmöglich ist, zwischen ihnen zu siedeln. Ihre Reihung ist unsinnig, sie führt zu nichts. Sending this message was important to us. Das Vilmos-Voigt-System: konzentrisch angeordnete Kreise von Warntafeln in zunehmend neueren Sprachen. Die alten Kreise bleiben erhalten, so ist im Vordringen bis zum zentralen Monument ein möglicher Übersetzungsakt gewährleistet. Immer weiter sprechen. Sending this message was important to us. Die Faszination, in die Vergangenheit zu greifen. Ein sich an kommende Generationen richtendes Verantwortungsgefühl, mal mehr, mal weniger manifestiert im Subjekt, aber doch irgendwo in einem kollektiven Gedächtnis verankert. Sending this message was important to us. Das ist das Narrativ der Postmoderne, das ist das Narrativ des Anthropozäns. Eine Gewissheit, es war etwas da – damit meine ich wen – die Hoffnung, es komme etwas – damit meine ich wen. Was Sinn stiftet, ist die Verortung in einer Erzählung. Coping mit einer traumatischen Gegenwart. Das Negativ zu Prousts Rettung der Vergangenheit als Aufgabe des Erzählers bildet heute die Rettung der Zukunft. Die Gegenwart ver-vergänglichen. Sending this message was important to us. Ich weiß nicht, welche Angst größer ist: dass das ganze Internet zusammenbricht, mit allen Clouds, digitalen Speicherorten, Postings, oder dass ich umsteige auf analog, hübsche Fotoalben mache und mein Zuhause abbrennt. Dass nichts bleibt, um sich die eigene Geschichte zu erzählen. Sending this message was important to us.
SIEBEN
This place is best shunned and left uninhabited. Fotoalben, handschriftliche Markierungen, das vage Wissen, wer Person X ist. Es gibt eine Freundin, die häufig vorkommt. Wenn sie von ihr spricht, meine ich manchmal, sie waren sehr verliebt. Ich weiß nicht, ob ich nachfragen darf. Ich traue mich noch nicht, aber nehme mir vor, es zu tun, bevor –
SECHS
Eine institutionalisierte Begleitung des Mülls: der Vorschlag einer Atompriesterschaft von Sebeok 1982. Der Mythos trotzt der Zeit, ein folkloric relay system. Habe zeitweise das Gefühl, die Atomsemiotik ist die Religionsgemeinschaft, die sie zu schaffen sucht. Der Ansatz der atomaren Glaubensgemeinschaft wurde später von Roland Posner wieder aufgenommen: Ein „Zukunftsrat“ für Deutschland, neben Bundesrat und Bundestag, der sich als demokratisch legitimierte Institution mit allen mehrgenerational zu bedenkenden Aufgaben befasst. Zentrale Verwaltungsstelle für Erinnerungen – sehr deutsch. Ich denke an die Hälfte meiner Familie in Kolumbien. Sie leben seit Jahren in einem Mehrgenerationenhaus. Während der Pandemie wurde ein Minipony angeschafft. Für die Kinder. Stolz zeigen sie in einer Videonachricht, dass es nun auch einen Fahrstuhl gibt, für die Großeltern. Als meine tía auswandert, schmiedet der Rest der Familie Nachziehpläne.
FÜNF
Märchen, Mythen, Fabeln. Katastrophenerzählungen als Warnung, cautionary tales. Der Warnung inhärent ist die noch abwendbare Gefahr, sie trägt die Möglichkeit zur Krisenvorbeugung in sich. Sie ist, was bleibt in Pandoras Büchse. Im Mythos folgt auf die Warnung ein Hoffnungsmoment. Ein Reinigungsmoment, ein Überleben. Spinne mir den Mythos jetzt schon. Versuche, ihre Eierkuchen zu machen. Sie schmecken nicht. Neurotisches Sicherstellen, dass es klappen wird, wenn es denn so weit ist. Finde Sicherheit darin, dass ich jetzt noch fragen kann, wie ich etwaige Rezepte anzupassen habe. Dabei geht das nicht, sie kippt alles nach Gefühl.
VIER
A message and part to a system of messages … Der Versuch, eine Universalsprache zu finden – ist es nicht die Angst in jedem sich selbst erkennenden Wesen? Hoffnung und Angst als Universalsprachen. Das Warnen selbst ist der lebendigste Akt, folglich dem Tod am fernsten. Mir ist, als wäre das Ziel der Atomsemiotik, das, wovor sie zu warnen sucht: eine Kernfusion von Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart. Der Versuch, im Angesicht der Krise, der Zeit zu entschwinden und wie immer und zuletzt auch dem Tod. Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und ihn nicht finden; und sie werden begehren zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen.[2]
DREI
In der Krankheit wird sie weicher. Es ist ein langes Hin und Her, bis sie sich dazu überreden lässt, eine Haushaltshilfe anzunehmen. Ich habe Angst, dass alles gut ist und sie also gehen kann. The danger is still present, in your time as in ours. Möchte ihr eine Strahlkraft anerzählen, die jahrzehntelang noch von sich zeugt. Kein Monument, kein Denkmal, ein Kollektivbewusstsein. Eine Geschichte so tief, dass sie sich in ein Selbstverständnis eingliedert. Suche Rituale. ICH HÄTTE GERNE ETWAS, DAS ICH TUN KANN, WENN DU NICHT MEHR DA BIST. Sie hat begonnen, ihre Bücher rauszugeben. Sammlung wird aufgelöst. Früher hätte sie um keinen Preis eins ausgeliehen, aus Angst, es fände nicht zu ihr zurück. Ich kann sie nicht befestigen, nicht anpinnen. This could be a place of honor. Wenn nur das sanfte Entgleiten nicht, wo finde ich die Bedingungen des Vergessens, um ihnen entgegenzuwirken?
ZWEI
In die Zukunft zu sprechen birgt kein Risiko, es gibt keine Antwort. We considered ourselves to be a powerful culture. Manchmal habe ich das Gefühl, die Vergangenheit rollt sich unter meinem Schreibtisch aus wie eine lange graue Katze. Schiebe ich den Kopf unter die Holzplatte, zuckt sie, verzieht sich hinter ein Tischbein, obwohl sie mich gar nicht sehen kann. Das Gefühl, von einer Zukunft beobachtet zu werden, ähnlich absurd wie aufzuwachen von einem fremden Blick. Spüren, wenn wer von der einen Welt in die andere sehnt.
EINS
Hyperobject nach Timothy Morton: an entity that’s so massively spread out in time and space that you can’t point to it all at once, es übersteigt die menschliche Vorstellungskraft. So also sind Gott und die von Atommüll ausgehende Gefahr vom gleichen Material. Außerdem ein sterbender Mensch. Am Versuch, ein Leben zu fassen, scheitern: Möge meine Großmutter weit gestreut sein.
[1] Thomas-Evangelium p.34, 14–16.
[2] 10,000-Year Earworm – Emperor X.
[3] Johannes-Offenbarung, fünfte Posaune.