Laura Milè
Baustelle
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STEIN AUF STEIN
Immerhin versuchen. Den Kiefer lockern, die Zähne auseinanderkriegen. Prüfen, ob was im Hals steckt. Wieso bin ich so müde? Wachliegen, warten, die Wand beobachten. Nicht hier und nicht dort sein. Wo bist du?
Molly Segal: „I think about Lot’s unnamed wife who dared to peek directly at the terror and turned into a pillar of salt. I think about a possum, paralyzed with fear, playing dead until the monsters pass.“[1]
Zerschellt, zerbricht, bröckelt, bröselt, stürzt ein, stürzt ab. Presslufthammer presslufthämmert. Abrissbirne abrasiert Abgrund. Kran krönt König. Sechs Uhr dreißig morgens. Der Moment, in dem die Geräusche beginnen. Eine Baustelle ist meine Nachbarin, seitdem bin ich schlaflos. Wie lange noch? Der Abriss zieht sich, die Luxusapartments in weiter Ferne.
Tatiana Trouvé: „The only thing we know for sure about time is how to calculate it. I like to think of it as a material, a formless space with which you can play, do different things.“[2]
Steine haben die Eigenschaft, zu übertreiben. Wenn sie neu angeordnet werden, müssen es alle mitbekommen. Wir haben verstanden, etwas Großes verändert sich, die Straße zittert. Die Wand zittert. Eine Baustelle ordnet alles neu, was sich schon längst verändert hat, und zwar jeden Tag den ganzen Tag. Eine Baustelle bedeutet, quando sei qui con me, questa stanza non ha più pareti, ma alberi, alberi infiniti, quando sei qui vicino a me, questo soffitto viola, non esiste più, io vedo il cielo sopra noi, also: du bekommst nicht mehr mit, wie die Fassade fertiggestellt wird. Eine Baustelle heilt deine Angst vor Veränderung. Oder sie wird stärker.
Du erzählst mir von der Silhouette in deinem Bauch, die sich täglich weiter ausbreitet. Du ziehst um, es soll das letzte Mal sein, eine Wohnung am Stadtrand. Alles muss raus, nur die Rohre bleiben. Auf die Böden soll Parkett und Teppich, nicht zu rutschig und warm im Winter. Du zeigst mir ein Bild, auf dem wir als Kinder auf dem Boden raufen, zeigst auf die Fliesen der Küche, dass wir uns damals nicht ständig die Knie aufgeschlagen haben, haben wir uns nicht ständig die Knie aufgeschlagen?
Lina Bo Bardi: „While I was still very young I remember something momentous happened in the form of a chicken my mother was preparing for our Sunday roast. In its stomach was a collection of glass and pebbles worn smooth by water, in shades of green, pink, black, brown and white.“[3]
Was bleibt hängen, was zieht sich durch, was sammelt sich an? Die Unsicherheit darüber, was davon behalten werden kann, was man vielleicht noch braucht. Eine volle Tasche. White Noise. Ohropax erst aus Schaumstoff, dann Silikon, zum Schluss Wachs. Das Dröhnen bleibt.
Eine Baustelle würde dich nicht stören. Du würdest um sechs Uhr dreißig aufstehen, dich anziehen, vielleicht würde dich jemand nackt sehen. Eine Baustelle würde dich während deines Sunday Resets in Ruhe lassen. Eine Baustelle würde dich nicht fragen, ob sich etwas verändert hat oder wir nur so tun, als ob. Du würdest den Tag abhaken und um zweiundzwanzig Uhr dreißig ins Bett gehen. Eine Baustelle würde dich nicht fragen, wo du bist. Etwas rastet ein.
Du kannst überall schlafen. Neben einem Gepäckband. In einer Kirche, bei deinen Eltern, in der Umkleidekabine. Du bist mal im Museum auf dem Sofa eingeschlafen. Du bist vor einem Bild eingeschlafen, das einige Jahre nach der Entstehung übermalt wurde, auf dem Karren lag davor jemand, sah auch schlafend aus. Du hast mich gefragt, woher ich das weiß. Wieso ich mit Sicherheit sagen kann, dass dort ein Mensch lag.
Saidiya Hartman: „It is much too late for the accounts of death to prevent other deaths; and it is much too early for such scenes of death to halt other crimes. So what does one do in the meantime?“[4]
Der Hall, den die Vögel erzeugen in der Bunkerruine. Durch das Loch in der Decke dringt Licht, und Stahlseile ragen hervor. Ich dachte, U-Boote werden dort gebaut, wo das Meer nah und das Wasser tief ist. Seit wann geht es um Todesszenen?
Bremen-Farge ist ein Erholungsgebiet, am Weserstrand mit Gezeiten wie die Nordsee, dann wird die Baustelle eröffnet. Es gibt hier eine Tonschicht im Boden, die im Meer zu Schlamm wird, auf Schlamm kann man nicht bauen. Es gibt Sätze der Überlebenden: „Wir wussten, dass wir etwas bauen würden, aber nicht, was. Wir hatten immer nur mit Sand und Kies zu tun.“
Es gibt Fotos der Baustelle aus Siegerperspektive. Wo heute Bäume stehen, wo Betonmischer standen. Ein Ölgemälde davon. Der Bunker Valentin hat höchste Priorität in der Zuordnung von Rohstoffen, Zwangsarbeitern, Architekten und Ingenieuren. Es gibt trotzdem kein einziges U-Boot, das auf der Baustelle jemals über den ersten Taktplatz hinausgekommen ist. Es gibt die Behauptung der Ingenieure, die Bauzeit sei trotz der Schwierigkeiten eingehalten worden. Es gibt bis in die achtziger Jahre ausstehende Rechnungen beteiligter Baufirmen an die Bundesrepublik. Es gibt Sätze der Überlebenden: „In meinen Träumen sah ich immer riesige Gebäude ohne Fenster, ohne Türen, suchte nach einem Ausgang, den ich nicht finden konnte.“
Du würdest den Kopf schütteln, aber du würdest dich erinnern. Du würdest den Beton betrachten, dir vorstellen, wie die Schalung dafür aussah, dir ausrechnen, wie viele Stahlseile in den einzelnen Teilen verbaut wurden. Du würdest das alles in deinem Kopf organisieren, es zurückverfolgen, bis der Beton bricht, bis der Bunker nicht mehr standhält. Wo bist du?
Es gibt Materialien aus den Baracken, Werkzeuge aus dem Bunker, dann zieht die Bundeswehr ein. Es gibt Markierungen auf dem Boden, es gibt keine Bilder der Dinge, die hier gelagert wurden. Es gibt im Kalten Krieg für drei Tage eine rote Schrift auf dem Bunker: „No more war“. Dann entfernt die Bundeswehr die Schrift. Es gibt den Plan, Sand in den Bunker zu schütten. Es gibt den Plan, auf dem Sand ein Restaurant zu bauen. Es gibt rechtsradikale Ultras des Fußballvereins Bremen-Farge, die auf die Fassade „Farge unzerstörbar“ schreiben, davon gibt es einige hundert Aufkleber in der Stadt.
Ich suche nach Ablenkung, die mich müde machen kann. Ich suche alles, was sich angesammelt hat, und auch das, was noch nicht da ist. Ein Versuch, der scheitert: Alle paar Jahre gibt es den Plan, in der Stadt meiner Mutter eine U-Bahn zu bauen. Das Vorher ist ein Stau aus 630.000 Menschen. Das Nachher ist ein AI generiertes Bild, auf dem alle Bäume in perfekten Abständen voneinander stehen und Menschen in weißer Sonne ein Eis essen, das ihnen niemals auf die Füße fällt. Die Baustelle wird eröffnet, dann wird gegraben und auf etwas gestoßen und die Baustelle bleibt still. Alle paar Jahre wird das vergessen. Alle paar Jahre versucht es jemand nochmal.
Abrissbirne holt aus, zielt, trifft, Beton fällt. Bagger kratzt, gräbt, nimmt auf, trägt weg. Der Versuch, eine andere Form zu finden. Ein Tunnel, unter dieselgetränktem Boden, der sich an den archäologischen Funden vorbei zum Meer windet. Als riesiger Plastikball, in dem meine Schwester auf dem Wasser ihre Runden dreht, und der Plastikball steigt auf und regnet später. Als Locke, die an der Wurzel warm ist und gegen halb vier morgens nass und die Locke hängt, während dein Rücken, tagelang an die Matratze gelehnt, wartet. Als Telefonkabel, unter Bergen hindurch und dadurch windet sich meine Stimme, und du antwortest und freust dich.
Ich kann nicht mehr schlafen. White Noise mein Arsch, ich muss mich zurückversetzen in den Traum, aber ich kann mich nicht gut erinnern. Es ging darum, dass die Baustelle bei deiner Mutter endlich fertig ist. Und sie lädt uns ein, weil es endlich wieder Strom und Wasser gibt und alle besser schlafen können. Irgendwann sind wir auf dem Dach, alle Häuser sind hässliche Neubauten. Du zeigst auf etwas und erzählst, was da mal stand, und auf einmal steht es wieder dort, alle Zeiten verschwimmen miteinander. Die Zukunft ist schon da, sie versteckt sich in der Gegenwart. Wie lange hat sich die Gegenwart in der Vergangenheit versteckt?
Es gibt Sätze der Überlebenden: „Die wollten nicht, dass wir überlebten, wenn ihre Welt zu Ende ging.“ Eine Baustelle erinnert mich an das Vorher, bis ich vergesse. Bis sich das Nachher nur noch selten unpassend anfühlt und ich nicht verstehe, weil ich mich nicht erinnere, dass es einmal anders war. Eine Baustelle bedeutet, ich begreife nicht, was hier entsteht. Selbst wenn ich es mir wünsche und vorstelle, kann ich es nicht verstehen.
Beverly Buchanan: „Placing each piece involves a long time of looking and moving – shifting – replacing and looking some more.“[5]
Steine ansehen und darin nichts finden (etwas, das länger hält als man selbst).
Ich suche, ich suche weiter. Ich ordne alles neu.
Ich bin wieder neun und wohne bei meinen Großeltern. Ich schlafe im Wohnzimmer. Jeden Morgen höre ich die Tür, mein Großvater fährt zur Arbeit, eine Baustelle in einem Dorf neben der Erdbebenstadt. Ich drehe mich um und schlafe wieder ein. Ich höre meine Großmutter ins Zimmer kommen, sie öffnet die Rollläden, sie lässt Licht herein.
Ich bin wieder fünfzehn und wohne bei meiner Cousine. Ich bin noch nie umgezogen und alles fühlt sich für immer an, aber sie wohnt in einer Werkstatt und dort ist alles nur vorübergehend. Die Holzspanplatten auf dem Boden, die Pflanzen, die sie nicht vor den Nachbarn versteckt, die Paletten und das Waschbecken im Innenhof, die Blicke ins Feuer. Niemand baut besser als meine Cousine und in meiner Erinnerung vergeht keine Zeit, meine Sicht ist nicht klar und mein Gesicht mit Gips bedeckt. Ich lerne, meine Augen zu schließen, und warte und speichere die Wärme.
Antonio Gramsci: „Il vecchio mondo sta morendo. Quello nuovo tarda a comparire. E in questo chiaroscuro nascono i mostri.“[6]
Ist das eine tragende Wand? Wie lange steht sie schon hier? Warum blutet meine Nase? Verzeihst du mir? Wie lange muss ich zuhalten? Wirst du noch lange daran denken?
Du weißt, dass du ranklotzen musst, wenn du willst, dass man dich ernst nimmt. Plackerei, Maloche, Strapaze. Du hast fast einen ganzen Monat Überstunden, du schwitzt und sobald etwas fertig wird, ziehst du weiter. Alles hat sich verändert, die Baustelle löst sich auf. Dass es eine gute Entscheidung war, das alles, nur manchmal bereust du noch. Aber das war schon immer so, dass du alles gleichzeitig wolltest, nichts davon wirklich.
Erinnerst du dich daran, wo du vorher standest? Wann schläfst du ein? Wie weit erinnerst du dich zurück? Wie wird eine Schallschutzwand gebaut? Woran entscheidet sich, ob ein Gebäude abgerissen werden muss? Und Denkmalschutz? Wo bist du?
Natascha Sadr-Haghighian: „If we turn things to dust, how can we separate dust from other useful things?“[7]
Eine Baustelle bedeutet, Frühschicht, Spätschicht, Nachtwache, auf der Straße mit Meister angesprochen werden. Eine Baustelle bedeutet, meine Großväter waren immer stolz auf ihre Berufe. Eine Baustelle bedeutet, mein Großvater verkauft vor allem Grabsteine und der Betrieb wird mit meinem Onkel sterben. Eine Baustelle bedeutet, mein nonno beginnt mit acht zu arbeiten und erhält am Ende 150 Euro Rente. Eine Baustelle bedeutet, mach keinen Scheiß mit Elektrik. Eine Baustelle bedeutet, dein Schwiegersohn fürchtet sich vor deinem Händedruck. Eine Baustelle bedeutet, alle haben früher Körperteile verloren, niemand hatte alles, fehlende Zähne bedeuten Glück. Eine Baustelle bedeutet, nichts geht vorüber, alles wird aufgenommen, eine Baustelle bleibt untröstlich. Eine Baustelle bedeutet Berlin Tegel, Elbphilharmonie, Benko, The Line, Westfield Center, bedeutet Unfall, bedeutet Alfred Visha, Albert Z., Rruzhdi H, Astrit Xheka, Redon H, bedeutet ein kleines unbeleuchtetes Denkmal. Eine Baustelle bedeutet, alles ist vorübergehend, nichts wird aufgenommen, eine Baustelle bleibt flüchtig. Die unverputzte Fassade, der Bauhelm auf dem Dach mit Öffnung nach oben im Regen, ein Meer, das sich darin bildet, die Zeit, in der alle noch da sind und bleiben, ein Legostein, ein Sofa, Gute-Besserung-Blumen. Auf einer Baustelle ist Vorbereitung alles. Eine Baustelle ist eine Ahnung, dass sich etwas verändern wird. Ich kann mich an so viel nicht erinnern, dass ich überrascht bin, wenn mir von innen etwas einfällt (etwas, das ich vielleicht aufbewahrt habe, vielleicht nur kurz abgelegt und dann dort gelassen, vielleicht von Anfang an – wann war der? –) schon hatte). Wenn ich nichts finden kann, baue ich neu. Eine Baustelle bedeutet, ich seh die Abrissbirne nicht direkt, nur die Reste. Wie lange dauert es, einen Raum zu bauen, in dem deine Worte ein Echo erzeugen? Wie lange, wenn die Steine keine neue Form annehmen wollen.
Heidi Bucher: „Ich schaue die Wände an, die Türen, die Fenster, die Decken und die Böden. Ich berühre sie. Ich betrachte sie lange.“[8]
Ich stelle mir vor, wie du mit zwei Fäusten einen Betonblock bearbeiten würdest. Die Spuren auf den Fingern, die Spuren auf der anderen Seite des Blocks. In den Muskeln neue Fasern, die reißen können, aber erstmal halten sie, solang nichts bricht. Solang sie den Spuren Hülle sind und Form.
Die Straße, wohin führt sie? In ein Gebiet, das dir nicht bekannt ist, dir nicht gehört, am Ende dahin, also vorwärts, die Spuren führen nicht zurück. Ist das hier Zeitkonsum? Ist das Vorbereitung? Die Zeit, in der ich mich nicht wie irgendetwas fühle, weil stattdessen. Die Zeit, in der ich grabe, das Loch habe ich mir selbst gebuddelt, habe ich nicht? Die Zeit, in der ich die Sonne vor dem Fenster sehe und dort belasse. Hinter dem Fenster darauf warte, dass mir etwas einfällt, gegen das Außen (sinnlos, es geht doch um das Außen).
Michel-Rolph Trouillot: „History is the fruit of power, but power itself is never so transparent that its analysis becomes superfluous. The ultimate mark of power may be its invisibility; the ultimate challenge, the exposition of its roots. “[9]
Eine Baustelle ist ein Archiv, das sich selbst erschafft, Lärm unterbricht die Zusammenhänge. Immer dasselbe zu hören, immer denselben Satz zu schreiben, auf die Lücken zu warten. Wo bist du? Was im Boden geschieht, in der Stadt, im Körper der Älteren. Was wird hier gebaut?
Eine Baustelle bedeutet Vogelgesang, Whale Songs, Noise Cancelling Playlist, Waldklänge, White Noise for Sleep, Hairdryer for Sleep, Hyper Focus Noise, Recycled White Noise, Tranquil White Noise, Still White Noise, Noise Rest, Noise&Sleep, Deep&Dark, bei Oceanic Oasis schlafe ich wieder ein, bis der Riss durch die Wand geht und mein Bett schüttelt.
Ich bin wieder siebzehn und fahre zu meiner Oma, sie zieht ins Pflegeheim und muss sortieren, was sie dort brauchen wird und was sie nie mehr brauchen wird. Die erste VHS-Kassette, mein erster Geburtstag, ich renne die Fliesen auf und ab und klatsche. Die zweite, mein Onkel bei seiner Meisterprüfung, stundenlang arbeitet er an einem Block Marmor, schließlich schleift er und poliert, ein Fisch entsteht. Die dritte, mein Opa in der Steinmetzwerkstatt. Grabsteine, Fliesen, Brunnen, Treppen. Er graviert und schleift und riffelt und brennt, Oma will alles wegschmeißen.
Eine Baustelle bedeutet, mitten in der Stadt kann es kühl und schattig werden. Eine Baustelle erzählt, ohne gefragt zu werden. Auf einer Baustelle bröckeln die Knochen meines Großvaters. Eine Baustelle schluckt das Geräusch. Eine Baustelle bedeutet, während sich Schulden anhäufen, wird der Geduldsfaden immer dünner, verwickelt sich in etwas, und die Aufmerksamkeit reißt. Eine Baustelle bedeutet, hier kann nichts verkauft werden, bis die Baustelle verkauft wird. Eine Baustelle ist kein Produkt, bis jede Ware darauf erfasst wurde, das geht nur bei Stillstand. Eine Baustelle erinnert mich daran, dass auch ich mich danach sehne, in einer fertigen Welt zu leben, die sich gegen jeden meiner Eingriffe wehrt. Eine Baustelle macht mich zur Zeugin des Versuchs.
OG LU: „Bin es ich oder hast du dich verändert? Schau dich an, aber kann dich kaum erkennen.“[10]
Ich bin wieder neunzehn und spreche nicht mehr mit meiner Mutter. Wenn ich nicht schlafen kann, recherchiere ich, was um ihr Leben herum geschehen ist. Es gab den Plan, aus dem Justizpalast im Zentrum ihrer Stadt eine Ruine zu machen. Der Justizpalast steht. Es gab den Plan, auf einem Skateboard nach und nach 400 Kilogramm explosive Stoffe in eine Abflussrinne unter die Autobahn zu schieben. Die Autobahn explodiert. Dann werden die Lücken geschlossen.
Es ist schwer, die Baustelle zu betrachten. Da ist ein Zaun, der zeigt mir nur die Köpfe der Kräne. Ich sehe nicht, was aus dem Schutt wird, wenn er von oben (wohin?) auf den Boden fällt. Ich sehe nicht die Bauarbeiter, höre ihre Stimmen nur vereinzelt zwischen dem Lärm, dem Krach, dem Tosen, dem Widerhall, dem Geräusch. Ich weiß, dass du dort nicht stehst, aber ich stelle mir vor, das wärst du. Du hältst Nachtwache, du trinkst morgens einen Kaffee, du setzt zu Schichtende deinen Helm ab und rufst in die Runde. Dann siehst du in mein Fenster, ich öffne es und wir sprechen über Baumaterial. Dass jedes anders kommuniziert, davon bist du überzeugt. Dass Holz ein friedliches Material ist, liebevoll und edel. Und Beton? Darüber sprichst du nicht. Und dann verschwindest du.
Ich bin wieder achtzehn und besuche meine Tante. Vormittags zeigt sie mir ihre liebsten Ruinen. Jede Wand ist bemalt, es wächst Unkraut aus allen Ritzen, in der Hitze bewegt sich die Luft. In den Mittagsstunden schläft sie, ich warte auf dem Balkon im Schatten, höre der Nachbarschaft zu, stelle mir vor, ein Teil der Baustelle zu werden. Wir würden offenhalten, wie es mit uns weitergeht. Wohin wir uns entwickeln und was das Ende wird. Es wäre nicht klar, was entsteht. Woran hier gebaut wird.
Eine Baustelle bedeutet, du musst nicht verschwinden. Dass du damals schon gewusst haben wirst, dass es nicht vorübergehend ist. In welcher Zeit spielt sich das ab? Du entscheidest dich, und etwas wird unfertig, und dann wird es neu und es gibt ein alt. Das Dazwischen soll verschwinden, aber es ist noch da. Du weißt es, weil du es gesehen hast. So einfach ist das. Du warst dabei, mehr ist es nicht. Es klebt an dir, es bleibt. Ich wache jeden Morgen um sechs Uhr dreißig auf, mein Körper hat sich daran gewöhnt. Wo bist du?
Mahmoud Darwish: „Take me as a verse from my tragedy; Take me as a toy, a brick from the house.“[11]
STEIN AUF STEIN
[1] Molly Segal in: Artist Statement zu “As We Grind Our Teeth To Dust”. https://www.track16.com/molly-segal-2026-exhibit Track 16, Los Angeles.
[2] Tatiana Trouvé in: Art in America “Tatiana Trouvé”. Francesca Pietropaolo, 01.03.2010.
[3] Lina Bo Bardi: Stones Against Diamonds. Architecture Words 12, S. 35.
[4] Saidiya Hartman: Venus in Two Acts. small axe 26, Juni 2008, S.14.
[5] Beverly Buchanan in: Amelia Groom: “Beverly Buchanan. Marsh Ruins” Afterall Books, S. 73.
[6] Antonio Gramsci: Quaderni del carcere (Gefängnishefte), Q3§34.
[7] Natascha Sadr-Haghighian, Vortrag auf der Konferenz „On Infrastructural Critique“ an der Universität für Angewandte Kunst Wien, Oktober 2025.
[8] Heidi Bucher in: PRESSEMITTEILUNG Heidi Bucher 1926–1993 Mother of Pearl Retrospektive. Migros Museum.
[9] Michel-Rolph Trouillot: Silencing the Past, Beacon Press books, S. xi.
[10] OG LU: Gegend (prod. Chen).
[11] Mahmoud Darwish: A Lover from Palestine.