Katia Sophia Ditzler

Muttersprache, Mutterland. Ein Essay in fünf Akten.

I. Sprache ist Heimat 

Deutschland ist ein seltsames Land. Deutschland ist vielleicht das seltsamste Land, das ich kenne. Die Hälfte meiner Familie ist aus Deutschland, also bin ich Deutsche. Die andere Hälfte meiner Familie ist aus Russland, und auch wenn man mir das nicht anmerkt, ist es mir wichtig, dass die Leute das wissen. Ich habe einen deutschen Nachnamen, und meine Eltern haben mir absichtlich einen deutschen Vornamen gegeben. Das hat mir Xenophobie erspart, mich aber auch unsichtbar gemacht. Migration de luxe: keine Nachteile, nur die Vorteile, wie, den eigenen Lebenslauf mit Attributen wie „bilingual aufgewachsen” und „interkulturell kompetent” garnieren zu können.  

Eigentlich habe ich mir mein Russisch hart erarbeitet, vielleicht auch eher hart ergaunert. Ich habe aufgehört zu sprechen, weil ich das R nicht rollen konnte als ich vier Jahre alt war, antwortete meiner Mutter nur auf Deutsch. Mit 14 oder 15 packte mich dann mein Stolz, ich begann, Russisch zu sprechen. Ich hatte einen Akzent, aber mit der Zeit lernte ich ihn zu verändern, machte ihn melodischer, denn, wenn ich schon fremd bleiben musste, dann sollte die Exotik mein Vorteil sein. Ich reiste. Ich sprach. Ich schrieb Gedichte ab. Irgendwann hatte ich zwar immer noch einen seltsamen Akzent, konnte mich aber flüssiger und eloquenter ausdrücken als die meisten meiner Bekannten, bei denen beide Elternteile migriert waren. Lange hatte ich mich geschämt, aber auf einmal konnte ich mich über Philosophie und über Politik unterhalten, und andere nicht. Die Scham ist manchmal immer noch da, denn ich mache manchmal Fehler, und irgendwer findet sich immer, der sich darüber lustig macht und mich dann Deutsche nennt. Vielleicht erhalte ich die Verbindung künstlich aufrecht. Ich könnte mich gegen die Diaspora entscheiden, aber Diaspora ist auch Sicherheit. Es macht Spaß, sich für eine Minderheit entscheiden zu können. Aber oft komme ich mir vor, als hätte ich meine Identität gestohlen. 

 

II. Sprache ist Paradies 

Manchmal ertappte ich mich bei einem seltsamen Sprachnationalismus. Er äußerte sich folgendermaßen: Das ist ein Witz. Den kannst du nicht lustig finden, weil man ihn dir erst erklären müsste, und dafür müsste man dir vorher sehr viel Hintergrundwissen vermitteln. Und selbst wenn du ihn verstehen würdest, könntest du ihn nur intellektuell, keinesfalls emotional wertschätzen. Er wäre dir nur zugänglich, wenn dein Onkel luxusverwöhnter Parteibonze/deine Großmutter Forschungsleiterin eines Programms zur Erkundung paranormaler Phänomene in Nordostsibirien/deine Katze, die bestimmt entweder Barsik oder Murka hieß, Komsomolzin gewesen wäre.  

Irgendwann war ich aus der Phase raus. 

Mein Ziel war mehr oder weniger erreicht, ich hatte den Status einer vielleicht nicht vollwertigen, aber mindestens dreiviertelwertigen Russin erreicht. Ich hatte nun eine Sprache, die vom Verstehen und Fühlen her genauso nah war wie die Sprache meiner Umgebung, in der ich aber Fehler machte und immer ein bisschen fremd klang. Aber irgendwann gefiel ich mir in der Rolle - immer irgendwo dazwischen zu sein, aber überall Zugang zu haben.  

Mein Russisch wurde gut genug, um schreiben zu können. Ich hatte mir das Vokabular angeeignet, das man nun mal in einem migrantischen Haushalt und im Exil nicht lernt. Wörter wie „Gerechtigkeit” oder „Umsatzsteuer”. „Gerechtigkeit” habe ich mit 18 gelernt, als ich nach Nagorno-Karabagh getrampt war und mit den Leuten, die mich mitgenommen hatten, in einem Bach schwamm. Es war nach Sonnenuntergang. Riesige ertrunkene Heuschrecken trieben an mir vorbei, ein paar hundert Meter von uns entfernt brannten Bauern Dornengestrüpp ab, um die Fläche danach als Ackerland verwenden zu können. Es war gefährlich, den Feuern zu nahe zu kommen. Nicht so sehr wegen des Feuers selbst, sondern wegen der Giftschlangen, die fliehen mussten. Ich weiß nicht mehr, wie wir auf Gerechtigkeit gekommen sind, aber da hörte ich das Wort.  

Die Sehnsucht wurde größer. Wir waren oft zu Besuch in Russland, aber ich wollte dort leben. Dort war mein Platz, war ich überzeugt. Ich würde in Deutschland studieren, und sobald ich mit dem Studium fertig wäre, würde ich nach Moskau gehen. Ich konnte es kaum erwarten. 

Und dann begann der Krieg in der Ukraine. Auf einmal verwandelten sich meine russischen Verwandten in prorussische Patrioten, während meine deutschen Verwandten in Russland eine Gefahr für den Weltfrieden sahen. Sie sprachen miteinander, aber bezichtigten sich gegenseitig, gehirngewaschen zu sein. 

 

III. Sprache ist Gefängnis 

Je flexibler man ist, desto weniger steht man unter Druck. Je mehr Sprachen ihr könnt, desto weniger kann euch das Gehirn gewaschen werden. Wenn ihr zu viele Sprachen könnt, dann wird euch das Gehirn von allen Seiten gewaschen. 

Manchmal wünsche ich mir, weniger zu wissen. Ich sammle Sprachen. Ich lerne Alphabete, ich lerne Sätze. Ich lerne noch mehr Sätze. Dann lese ich Wikipedia-Artikel, vergleiche die Versionen in verschiedenen Sprachen. Das macht mich zynisch. Irgendwann wurde in der russischen Wikipedia der Artikel zur „Kiewer Rus” zu einem Artikel über das „Altrussische Reich”. Wenn man Sprachen spricht, wird man zur Detektivin. Und man ist dankbar für die eigene Mobilität.  

Meine Freunde in Moskau gehen oft auf Demos. Meine Freundinnen in Moskau werden oft verhaftet, geben dann Interviews in Beautymagazinen und erteilen Empfehlungen, welche Kosmetikprodukte man immer in der Tasche haben sollte, falls man für ein paar Tage ins Gefängnis muss: Denn sich pflegen zu können, sich hübsch machen zu können, das verhindert die eigene Dehumanisierung. Denn gebrochene Menschen sind hässlich, grau und ein elender Anblick. Meine Freundinnen und Freunde denken manchmal daran, das Land zu verlassen. Aber wohin sollen sie gehen? Für sie ist es besser, Journalisten und Filmemacherinnen und Wissenschaftler und Aktivistinnen in Russland zu sein, als in den Westen zu ziehen und dort eine migrantische Unterschichtsexistenz zu fristen. 

Macht niemals den Fehler, euch nur in einer Sprache zu verheimaten. Man weiß nie.  

In Russland sprechen nur 15% der Bevölkerung eine Fremdsprache. Nur 15% haben Zugang zu Informationen, die nicht in Russland produziert werden – wenn man jetzt von russischsprachigen Medien aus der Ukraine oder Kasachstan absieht. Von diesen 15% sind nicht alle gewillt, das offizielle Narrativ zu hinterfragen. Jede Information wird in das Koordinatensystem der vorherrschenden politischen Mythologie eingepasst. Diese politische Mythologie ist übermächtig. Gegen sie anzukämpfen ist edel, aber zwecklos. 

 

IV. Sprache ist Verantwortung 

Im Sommersemester 2016 ging ich ans Gorki-Literaturinstitut in Moskau. Erst besuchte ich ein Kinderliteraturseminar. Gerade wurde das 55. Jubiläum von Gagarins Flug in den Kosmos gefeiert, was auch verdeckt politisch war, denn normalerweise feiert man ja runde Jubiläen und keine Schnapszahlen. Der Dozent sagte, seiner Meinung nach sei erst mit Gagarins Flug der zweite Weltkrieg vorbei gewesen, da dann die USA verstanden hätten, dass mit der Sowjetunion nicht zu spaßen sei. Und er sagte auch, dass die versammelten Nachwuchsautoren eigentlich nichts für die Heimat täten, im Gegensatz zu seiner Ehefrau, die an einem geheimen Atomwaffenprogramm als Ingenieurin mitarbeite und ihren Anteil zum Schutz Russlands erbringen würde. Das war sehr romantisch. 

Dann ging ich zu einem Poesieseminar. Die Studierenden waren zwischen 16 und 50 Jahre alt, da es ein besonderer Kurs war, zu dem auch Teilzeitstudierende zugelassen wurden. Eine vielleicht 35jährige Frau las ein achtseitiges Poem vor. Einige meiner Kommilitonen langweilten sich diskret und höflich, andere packten Maultrommeln und Flöten aus. 

Im Gedicht ging es um die Einheit der ostslawischen Völker, um den Sieg gegen den Faschismus in der Ukraine, um den Kampf gegen das Gift des von Homosexuellen verseuchten Westens, und darum, dass es eine neue Sprache geben solle: Das Beloukrainorussische, in das auch Ivrit und Dagestanisch eingehen sollten. Das war lustig: denn Ivrit sprach man in Israel, in Russland würde man eher Jiddisch erwarten; Dagestanisch existierte auch nicht, Dagestan ist eine Kaukasusrepublik, in der 40 verschiedene Sprachen gesprochen werden. Ich fragte sie, ob sie ein einziges Wort Ukrainisch oder Weißrussisch könne. Natürlich nicht.  

Ich fragte sie, ob man politische Gedichte schreiben könne, wenn die eigene Meinung die der Regierung war. Dass ich in der Ukraine gelebt hätte, und dass sie den Nachrichten nicht glauben solle. Sie begann mich fast anzuschreien, dass auch ich vom Westen dumm gemacht worden sei, dass in ihrem Haus Flüchtlinge aus dem Donbass wohnen würden, die vor den ukrainischen Bomben geflohen waren. Ich hatte mich unbeliebt gemacht. Von nun an begleiteten mich die Blicke der anderen. Ich war einsam, und wenn ich hundertprozentig sicher gewesen wäre, im Recht zu sein, dann hätte ich das alles mit Märtyrerinnenwürde überstanden, aber ich bin mir nie sicher.  

Eine Woche später sprach der patriotische Dozent, der selbst ethnischer Armenier war und dessen Familie unter Stalin Repressionen ausgesetzt war, von den kollektiven Traumata der Neunziger Jahre, als Vierzehnjährige in Treppenhäusern erschossen wurden und das Leben chaotisch war. Die Leute nickten. Dann ging es um den russischen Nationalcharakter: „Wenn man in die mittelsibirische Tiefebene geht”, sagte er, „dann kann man bis zu 15 Kilometer weit sehen. Das muss man sich vorstellen. 15 Kilometer. Weite. Das verändert das Verhältnis zur Weite. Das haben Leute im Westen nicht.” 

„In Flandern kann man auch kilometerweit ins Land schauen. Ich weiß jetzt nicht, was dieses Argument aussagen soll.” 

Er schüttelte nur verächtlich den Kopf. 

Mit einem anderen Studenten kam ich später ins Gespräch.  

„Ich bin mir sicher, dass Sie sich mit einem Poeten aus Papua-Neuguinea besser verstehen könnten als mit einem Straßenfeger aus Magadan”, sagte ich zu ihm. 

„Genau das denke ich nicht. Ich kann mit jedem russischen Menschen etwas Gemeinsames finden. Wir sind eins.” 

Ja. Früher nannte man das Treue zur Volksgemeinschaft.  

Und dann verstand ich, dass ich nicht wollte, dass alle meine Reisen, meine länderübergreifenden Spagate umsonst oder nur für mich gewesen sein sollen. Ich bin in der Position, Sand im Getriebe zu sein. Ich bin in der Position, verschiedene politische Mythologien identifizieren zu können. Das bedeutet Verantwortung. 

 

V. Sprache ist Geschenk 

Migration ist auch Freiheit. Zu wissen, dass die Eltern gegangen sind, bedeutet, zu wissen, dass man selbst irgendwo hingehen und es schaffen kann. Ich kann überall leben, ich muss mich nur gewöhnen. Emigration ist das größte Geschenk, das mir meine Mutter gemacht hat. Sie war nicht sicher, als sie schwanger war, ob sie nach Deutschland kommen sollte. Immigration ist das größte Geschenk, das mir mein Vater gemacht hat. Und so bin ich in Westdeutschland aufgewachsen, mit Klavier- und Ballettstunden, in Sicherheit. Nicht im Moskau der Neunziger Jahre, in denen ich zwar wahrscheinlich auch Klavier- und Ballettstunden bekommen hätte, aber in dem tatsächlich manchmal Leute auf offener Straße erschossen wurden und westliche Zeitungen sensationsgierige Reportagen über klebstoffschnüffelnde Straßenkinder schrieben.  

Manchmal bin ich traurig darüber. Manchmal denke ich, ich wäre gerne in Russland aufgewachsen, bevor Putin seine Macht konsolidierte, als das Denken und Sprechen und Schreiben freier und wilder war als in den Jahrhunderten zuvor. Vielleicht würde ich jetzt auch vom Auserwähltsein Russlands überzeugt sein, würde Sachen sagen wie „Russen ergeben sich nicht”, würde T-Shirts mit Putins Gesicht darauf tragen.  

Es ist schon gut, nicht in Russland aufgewachsen zu sein.  

Ich habe trotzdem Zugang zu den trashigsten Youtubevideos, zu den amüsantesten Verschwörungstheorien und den besten Softwarecracks. Und oft gibt es Bücher nicht auf Englisch oder Deutsch im Internet, dafür aber in einer russischen Übersetzung von verantwortungsvollen Hackern auf Torrentseiten untergebracht. Onlinepsychotherapie ist auch verbreiteter im russischsprachigen Internet und kostet viel weniger als vergleichbare, kaum vorhandene deutschsprachige Angebote. Und ich habe das Geschenk der Erkenntnis, der Erkenntnis, die man nur durch den Vergleich erhält: der Einsicht, wie politische Mythologien entstehen, wie Propaganda funktioniert, wie Manipulation eingesetzt wird, wie sich ausschließende Narrative geschaffen werden. Ich habe gelernt, alles immer zu hinterfragen, zugrundeliegende Ideologien zu identifizieren. Und das ist vielleicht das größte Geschenk überhaupt: das Geschenk der geistigen Freiheit. Freiheit ist auch, nirgendwohin zu gehören und alles klar sehen zu können.