Ivna Žic
Die Unversehrten
Die Zeit ist 2002
Die Zeit ist 2019
Die Zeit ist 2022
Die Zeit ist heute
Die Zeit ist ein Tausch.
Echo. Variation. Erneuerung.
In Stücken, verteilt, ungewoben.
Was ist deine Zeit?
Heute: Aufwachen. Keine Bewegung.
Ich liege im Bett, ich liege auf der Couch, ein Weg in die Küche ist eine Wanderung, das Ausräumen der Spülmaschine ein Kraftakt. Ich bin genesen, aber nie mehr gesund geworden. Ich stecke fest in einem Zustand, der chronisch wird, der mich herausreisst aus dem Leben: Ich nehme nicht mehr teil. Ich verschwinde in meiner Wohnung, im Schmerz, ich spüre die Unsichtbarkeit, die Tage, die vergehen, die Nächte, in denen ich mich nicht erholen kann. Ich schaue hinaus, auf die Strasse, auf die vorbeieilenden Menschen, schaue ins Handy hinein und dadurch wieder hinaus in die Welt, scrolle, schnell, und liege reglos, leise, mit vielen Pausen, und ich frage mich: Wer bin ich jetzt? Was ist dieser neue Verlauf? Ich schaue hinaus und ich betrachte mich. Nein, ich erinnere mich. Ich erinnere mich an mich. Ich erinnere mich an Reisen, an Distanzen, an Bewegung, um mich zu spüren. Um die Zeit in die Hand zu nehmen. Um nicht zu verschwinden, lande ich in Chicago, während ich auf der Couch liege,
ich lande nur wenige Tage nach dieser kältesten Woche, arktische Luft, Raureif und über dem zugefrorenen Lake Michigan schwebt Wasserdampf, wobei in der Arktis gerade Sommer herrsche, schreiben sie in den Nachrichten, die ich 7.000 Kilometer entfernt nur wenige Tage vor dem Abflug lese, ich sehe Bilder von eingefrorenen Augenbrauen der Spaziergänger und überlege, welche Schuhe ich für ein solches Wetter einpacken sollte, arktischer Sommer über Chicago, minus 32 Grad, und während ich, anstatt Schuhe zu kaufen, Bücher einpacke und noch im letzten Moment auf das Visum warte, betrachte ich öfter die Bilder des Lake Michigan als meinen E-Mail-Eingang, denn dort, am See, beginnen mit dem einsetzenden Tauwetter nun die Eisschichten auseinanderzubrechen und statt einer grossen Eisfläche bilden sich Eisscherben, meterhohe Seestacheln, die Temperaturen steigen langsam und ich packe Schal und Mützen und dicke Socken ein, das wird reichen, denke ich und zahle für das Mietauto ein, während ich jetzt in die Couch sinke und mich erinnere, beim Scrollen an das Scrollen damals denke, der See sei so gross wie das Land meiner Herkunft, dort ein Meer und da ein See, lese ich mitten in der Nacht auf dem kleinen Bildschirm, als ich nicht wieder einschlafen kann, scrolle von Eisschollen über Augenbrauen bis zur Seebeckengrösse, ein See, so gross wie das Land meiner Herkunft, war eingefroren, ganz eingefroren, das würde diesem Land ab und an auch guttun, immer weiter weg verreise ich von ihm und trotzdem kommt es zurück, zu mir, das Land, die Herkünfte, nun über arktisches Eis und einen Vergleich für europäische Zeitungsleser, doch nicht deswegen fliege ich davon, renne, weiter, einmal hat es nicht mit Herkunft zu tun, denke ich, dachte ich damals, vor dieser Reise,
während ich heute den Regen betrachte, leise, sommerlich, vor meinem Fenster sitzend, stundenlang sitzend und betrachtend, ich bin das, was fachsprachlich hausgebunden genannt wird. Nicht mehr weltgebunden. Heute sehen mich wenige Menschen und wenige Orte, und wer mich sieht, sieht trotzdem nicht, was der Körper spürt, denn der Schmerz, der wandert, hinterlässt fast keine sichtbaren Spuren. Wer mich sieht, sieht mich lächeln und erzählen und fragt sich oft: Kann das sein? Wer mich sieht, sieht mich in guten Momenten, in denen ich an einem Treffen teilnehmen kann, sieht nicht das Ausruhen davor und die Schmerzen danach. Darum schreibe ich, um mit einer anderen Zeit betrachtet zu werden. Ich schreibe mit Pausen, Unterbrüchen, mit der Suche nach einem Fluss, nach einer Bewegung, welche der Körper nicht mehr machen kann. Doch wenn ich noch da bin, wenn ich ich schreiben und erinnern kann, wenn ich die Finger über die Tastatur fliegen lassen kann, und sei es nur für fünfzehn Minuten, bevor die Migräne kommt, bevor die Glieder schmerzen, bevor ich eine bleierne Erschöpfung spüre, eines oder alles zusammen, wenn ich es trotz allem schaffe, dann bin ich da, dann nehme ich teil. Dann wird das Ich, das in den letzten Monaten noch fremder wurde, als es zuvor immer schon gewesen war, vielleicht wieder greifbarer. Dann könnt ihr lesen, mich zumindest lesen, während ich leise verschwinde hinter dem schmerzenden Körper, der wieder lauter wird, mein Körper, der über die letzten Monate ein anderes Empfinden, eine neue Bewegung, eine gänzlich veränderte Beziehung zu der mich umgebenden Welt geschaffen hat: Einschränkungen, Lücken, Distanz zu diesem mein und auch zu euch, zu den Lesenden, auch zu den mir Nächsten, die mein Ausgesetzt-Sein in dieser Situation oft nur schwer ertragen können. Lesend müsst ihr nicht mich schauen, müsst euch nicht kümmern oder sorgen. Dann habt ihr mich wieder und ich mich, vielleicht, auch, dann kommen wir gemeinsam in eine Bewegung, in einen neuen Rhythmus, und so schreibe ich langsam weiter, Absatz für Absatz,
während ich nach drei Filmen und keinem Schlaf in Chicago lande, zehn Stunden Flug, der Nacken verzieht sich, ich stehe an der Homeland — auch das ein Land, klarer noch: Home und nicht Eltern, Heim — Security fast zwei Stunden nach der Landung und warte, unerwartet, ohne Wasser oder Kaffee, und werde dann, endlich beim Beamten angekommen, mehrmals und doch immer wieder dasselbe gefragt, in Variation: ob ich arbeiten will, ob ich pleasure möchte, ob ich Geld habe, ich verstehe die Wiederholungen nicht, nach Flug und Stunden und Stehen und Dehydration, ich will doch nur den See sehen und ein paar Erinnerungen auffrischen, doch meine Antworten ziehen weitere Fragen nach sich, Missverständnisse, der Grund meiner Reise scheint nicht ganz klar, ich werde so lange weiter befragt, bis der See geschmolzen ist, bis der schwere Koffer endlich weitergeschoben werden darf, hinein darf mit einem Stempel in das Homeland, nicht meines, 15. März 2019, das Taxi kostet 50 Dollar, das erste Schild bei der Ausfahrt vom Flughafen zeigt die Silhouette eines Bauarbeiters und ich lese darunter:
HIT A WORKER 10YRS JAIL 14000 DOLLAR.
Und die Restaurants haben eben wieder aufgemacht, nach einer Woche unter Verschluss.
Wir waren im Lockdown, sagt der Kellner, als er mit der Pizza und einer Cola wiederkommt, in der mehr Eis schwimmt als auf dem Lake Michigan übriggeblieben ist. Zur Sicherheit mussten wir alle zuhause bleiben, gegen die Kälte, die tödlich war.
Ach so, sage ich und wiederhole das Wort für mich, das ich viele Jahre nicht mehr gehört habe: Lockdown.
Lockdown war eine routinierte Übung an der High School in Rockton, Illinois, die ich damals, vor 17 Jahren, als Austauschschülerin besucht hatte. 2.000 Schüler:innen gingen täglich im Gebäude ein und aus. Als ich die Schule besucht hatte, war die Security überall. Dazu kam mehrmals jährlich: Lockdown. Jedes Schulzimmer wurde automatisch verriegelt, für den Fall eines Attentats, eines Amoklaufs, eines Shootings, zur Sicherheit: Lockdown. Keiner rein, keiner raus. Das Schulhaus ebenso. Verriegelt. Über mehrere Stunden. Einmal blieb ich neben Brian Murphy eingesperrt, über drei Stunden. Nach zwei sprach er endlich mit mir und ich teilte mein Sandwich mit ihm. Es war der beste Tag meines Lebens als Austauschschülerin. Lockdown halt. Where are you from?, fragte mich Brian endlich. Switzerland. Und er sagte: Is it the same like Sweden? Und ich sagte no, und mein Gesicht glühte, originally I come from Croatia, sagte ich dann noch. Und, um das Schweigen zu füllen: It is close to Italy. Doch Brian schien sich nicht für europäische Ländernamen und noch weniger für die dortigen Migrationsbewegungen zu interessieren und wandte sich ab. Too much? Wahrscheinlich. Genauso wie die Lockdown-Übung, die wir alle nicht wirklich ernst nehmen wollten, die wir nach der letzten Schulglocke schnell vergassen und in die Freizeitaktivitäten abtauchten. Wer möchte sich das schon vorstellen?
Und wenn man im selben Schulzimmer mit dem Täter eingesperrt wird?, denke ich nun doch, 2019, vor meiner Cola sitzend, wenn also alle Türen verriegelt werden, aber in diesem einen Raum, in diesem einen einzigen Raum —, was dann?, frage ich den Kellner, der die Übung ebenfalls aus der Schule kennt.
Das üben wir nicht, sagt er in einem Tonfall, der mich an Brian erinnert, und ergänzt: Diesen Lockdown meine ich nicht. Wir mussten zuhause bleiben, in der Wärme, alles hatte zu. Darf ich dir einen Refill bringen?
Rockton, Illinois, ist zwei Stunden mit dem Auto von Chicago entfernt, für amerikanische Verhältnisse wenig, fast keine Distanz. Nach diesen zwei Stunden bleibt von der Grossstadt keine Spur: Rockton ist eine kleine Stadt, ein Ort im Nirgendwo, alles flach, alles Fläche, Walmart und Walgreens, eine Hauptstrasse mit Bars, Antik-Geschäften, die vor allem gut gefüllte Rumpelkammern sind, einer Bücherei, Dairy Queen und Miss Andreaʼs Dance Factory in einem blauen Gebäude, an dem die Farbe abblättert. Eine Bank mit Drive-through-Automaten. Stillgelegte Bahnschienen. Amerikanische Flaggen überall. Im Winter eiskalt, die Winde aus Canada wehen über das flache Land bis in die Rocktoner Knochen, im Winter schneefreie Schultage. Im Sommer eine Hitze. Dazwischen der schönste Spätsommer. Indian Summer sagen sie ganz selbstverständlich dazu. Ebenso selbstverständlich wie dass die Community High School nach einer indigenen Prinzessin benannt ist: Hononegah. Hononegah wird lange unhinterfragt von einer meist weissen und blondierten Cheerleaderin verkörpert, als Schulmaskottchen, und erst mit der Pandemie, in der vielleicht mehr Zeit zum Nachdenken war, argumentierte eine Gruppe von Schüler:innen in einer Petition, dass diese Darstellung rassistische Stereotype aufrechterhalte.
Als ich 2019 in Chicago vor der Pizza sitze, war ich genau 17 Jahre nicht mehr dort gewesen. Ich schmecke diese fettige Pizza, atme sie ein, ebenso die Cola und das schmelzende Eis, denn auch darum bin ich wieder da: um mich nicht nur zu erinnern, sondern um diese Landschaft, ihre Wege, ihre Rituale, ihre Gerichte und ihre Menschen zu spüren, zu berühren, zu erkunden, zu riechen. Um dem verwirrenden Jahr einer Teenagerin in einer noch verwirrenderen Umgebung auf die Spur zu kommen.
Es ist Herbst 2002 und ich bin 16 Jahre alt.
Meine Gastmutter schluckt eine Handvoll Tabletten jeden Tag und das schon vorgeschnittene Gemüse aus der Tiefkühltruhe ist mit einer dicken Schicht Käse überbacken, die Zimmer sind im Winter kühl, es wird Strom gespart, ich soll nicht lüften, im Sommer soll ich die Fenster ebenfalls nicht aufmachen, wegen der Klimaanlage, so sollte ich die Fenster nie aufmachen, das ganze Jahr über nicht, im Basement lebt die gleichaltrige Gastschwester, es ist dunkel dort unten, sie sitzt auf ihrem Sofa und malt sich die kurzen Fingernägel an, während der Fernseher läuft, ihre Finger sind dick und wurstig, oben macht die 13-jährige Gastschwester auf einem anderen Sofa Hausaufgaben, einen Tisch im Zimmer hat kein Mädchen in diesem Haushalt, einen Tisch im Zimmer wünsche ich mir als Erstes und Barb schaut mich verständnislos an, call me mom, sagt sie am ersten Tag und ein Jahr lang bringe ich das Wort nicht über meine Lippen, bringe sowieso kaum etwas über die Lippen, ein Jahr lang kriege ich keine Menstruation, das Blut bleibt aus, nein, ich kann dich nicht mom nennen, ich weiss nicht, wer du bist. Meine Mutter ist Mama, mamić auf Kroatisch, in einer Sprache, die ich in jenem Jahr nicht vertrete, da ich für die Schweiz angereist bin. Wie eine Nationalmannschaft, welche die besten Spielerinnen oder Spieler eines Landes versammelt, deren nicht schweizerische Namen zwar auf den Trikots stehen, weiter aber nichts erzählen sollen. Nur von Erfolg erzählen sollen. Auch ich habe ein Jahr meine Schulleistung aufs höchste Niveau gebracht, um verreisen zu können, um an einer High School ein Jahr lang irgendwelche Unterrichtskurse zu besuchen und mein Physik- und Lateinniveau für immer herunterzubringen. Dafür erhalte ich die experience. Doch ich bin eine Teenagerin, die im Gegensatz zu den anderen Exchange-Schüler:innen keine weitere Erfahrung der Fremde braucht. Die eigentlich keine mom auf Englisch braucht.
Barb kaut ihre Fingernägel bis zur Haut weg und schaut den halben Tag fern im Elternzimmer. Barb ist arbeitslos und darf nur ab und an einen halben Tag als Aushilfslehrerin arbeiten. Sie wird am liebsten wütend, darauf, dass alle um sie herum mehr Energie haben als sie, mehr Leben spüren als sie, ihre beiden Töchter, ihr Ehemann und nun auch dieses Gastkind, diese exchange student, was kriegt sie denn im exchange dafür?
Sie kriegt Anerkennung in der Kirche. Jeden Sonntag. Wir sitzen in der ersten Reihe, denn der Gastvater ist Pastor der Gemeinde. Einer der Pastoren. In Rockton kommen auf etwa 5.000 Einwohner mehr als zehn Kirchengemeinden mit unterschiedlichen christlichen Glaubensrichtungen: Methodist United, Non-Denominational, Catholic, Unitarian Universalist Congregation, Baptist, Lutheran und noch andere. Wir sitzen in der Lutheranischen Kirche in der ersten Reihe. Sehr katholisch sitze ich mit und frage mich, frage mich zum ersten Mal sehr katholisch selbst, ob das eigentlich richtig ist, dass ich da mitsitze? Oder ob ich in diesem einen Jahr alles darf und nichts falsch ist oder ob alles falsch ist und was dann eigentlich richtig ist? Und seit wann ich mich so katholisch fühle?
Erfahrung machen, sagten die Menschen von der zuständigen Organisation zu unserer Vorbereitung, Erfahrung machen heisse, alles mitzumachen. Das sei die experience. Und irgendwo in mir kannte ich das schon sehr lange: Anpassen. Mitmachen. Nicht nein sagen. Nicht sagen: Das passt mir nicht.
Was ist das für ein exchange? Welche Währung wird da getauscht?
Im Herbst davor sind zwei Flugzeuge in die Twin Towers in Manhattan hineingeflogen. Meine beste Freundin und ich waren nach der Schule allein zuhause, wir waren Teenagerinnen in sehr engen, sehr tief geschnittenen Hosen und schauten fern, als plötzlich diese Bilder kamen, nochmal und nochmal und nochmal kamen, und wir wurden so sehr in diese Wiederholung hineingesaugt, dass wir nicht merkten, als die Haustür aufging und entweder die Mutter oder der Vater die Wohnung nach der Arbeit betraten, und wir erschraken, schraken aus dieser Trance der einstürzenden Türme auf.
Und beim Abendessen, als der Fernseher dann endlich aus war und wir irritiert vor dem Abendbrot sassen, sagte mein Vater: Du wirst nicht in die USA gehen. Das ist viel zu gefährlich.
Und ich musste fast weinen und sagte: Doch, doch, ich werde hingehen! Ich war 15 und nichts in meinem Leben war bisher bedrohlich gewesen, nicht einmal der Krieg in meinem Herkunftsland, der in meiner Kindheit stattgefunden hatte, die Distanz liess mich jedoch nur ein Unbehagen erahnen, der Krieg lief im Fernsehen und im Flüsterton am Telefon zwischen meinen Eltern in der Schweiz und den Grosseltern in Zagreb. Telefonrechnungen im Wert von 500 Schweizer Franken monatlich, sagt die Mutter später. Ans Meer fuhren wir trotzdem jeden Sommer.
Wir werden schauen, sagte der Vater.
Und wir verstanden noch lange nicht, was eigentlich geschehen war.
Im Sommer darauf reiste ich doch nach Rockton, Illinois. Ein Ort, dem ich zufällig zugeteilt wurde. Ich reiste hin, weil ich es wollte, um jeden Preis wollte ich diese Distanz spüren. Vielleicht wie jene Distanz, die meine Eltern Jahre zuvor zu ihrer Herkunft hergestellt hatten. Distanz bestimmte meine Wege und meine Beziehungen seit jeher. Distanz bestimmte mich. Distanz schien die einzige Konstante. Distanz schien kein Problem zu sein. Durfte kein Problem sein, denn was würde passieren, würde ich sie plötzlich hinterfragen? Würde ich es nicht mehr schaffen, sie zu überwinden, mich in ihr und ihren Massen zu bewegen? Dann würde ich meine Grosseltern nicht mehr sehen, die Insel, das Meer, Kroatien – dann würde die Familie nicht mehr funktionieren.
Es gehörte ebenso zur gutbürgerlichen Erfahrung, ein Austauschjahr in den USA zu verbringen. Trotz und mit 9/11 taten wir so, als wäre die Welt im selben Lot wie zuvor und ich reiste ein Jahr später in ein Land, das weiterhin im Ausnahmezustand war, das 2002 immer noch von Angst geprägt wurde, sogar in einem abgelegenen Ort wie Rockton, Illinois, wurde die lokale High School beschützt, als wäre sie das nächste Angriffsziel, und die Umgebung aufgerüstet, zum Krieg gegen den Terrorismus, der überall zu lauern schien.
2019 fahre ich für mich, erstmals für mich durch diese Landschaft, in der ich damals nicht fahren durfte, obwohl alle anderen 16-Jährigen Autos fuhren. Obwohl Autofahren die einzige Freiheit darstellte, sich allein durch diese Weite zu bewegen. Überall, wo ich hinwollte, musste mich jemand hinfahren. Die High School war fussläufig in 10 Minuten zu erreichen, doch ich durfte nicht zu Fuss hingehen. Das sei zu gefährlich. Und ausserdem mache das niemand. So wartete ich morgens auf den gelben School Bus und machte eine 45 Minuten lange Route mit, um alle Kinder aus der Nachbarschaft abzuholen.
Jetzt fahre ich, erstmal ziellos, fahre volle Kraft voraus, endlich sehe und spüre ich diese weite Landschaft wieder, die ich über die Jahre nur als Teenage-Rausch geträumt und erinnert habe, endlich Boden unter den Füssen, hier also war ich, ein Jahr lang, hier habe ich gelebt, während George W. Bush die Truppen in den Irak einlaufen liess und wir Fox News im Geschichtsunterricht schauen mussten, ich erinnere Nachtaufnahmen und Bombardierungen morgens um 9 Uhr, die Hälfte der Klasse schlief in der Dunkelheit des Klassenzimmers ein: schlafende Teenagerkörper im Kriegsland, Doughnuts zum Frühstück und ein Zukunftsversprechen der Army zu Mittag. Die Navy und die Army kamen mittags in der Schulkantine und bauten einen Stand auf, um 17- und 18-Jährige zu rekrutieren. Sie köderten sie mit einem Stipendium für das teure Studium; dazu die Verpflichtung, nach dem Abschluss zu dienen.
Die Schultüren tagsüber, nach Unterrichtsbeginn: abgeschlossen. Bei unerlaubter Öffnung, bei dem Versuch, etwas Luft zu atmen und das Gebäude zu verlassen: Alarm. Wir waren eingesperrt. Zur eigenen Sicherheit.
Eine gutbürgerliche Erfahrung. Ein Land im Krieg, denke ich, während ich fahre und Kaffee aus riesigen Pappbechern trinke, die small genannt werden, alles verschiebt sich, keine Grösse ist konstant, keine Distanz und kein Mass, plötzlich habe ich genug von Filterkaffee und Pappbechern und ich suche und finde nur Arbyʼs Fast Food mit dem Untertitel: We Have The Meats.
Und ich erinnere mich an Nachmittage bei Arbyʼs nach der High School, an Milk Shakes und Burger, mich gelüstet es nach dieser Erinnerung, ich bestelle einen Burger, der Veggie Burger kostet fünf Dollar, der Cheese Burger nur dreieinhalb, ich nehme Veggie, ich nehme zwei Bissen, mehr geht nicht von diesem Burger, der mit der Erinnerung nichts mehr zu tun hat.
Noch heute besitze ich ein Foto, auf dem meine zwei Gastschwestern und ich in den gleichen gebatikten T-Shirts das Auto des Gastvaters vor der Garage putzen. Wir halten grosse Schwämme in der Hand und lachen in die Kamera.
Das Foto wurde gegen Ende meines Aufenthaltes aufgenommen, ich habe Pickel und Akne vom fettigen Essen und trage dieses weite T-Shirt, wie alle, unter dem die schnell gewachsenen Brüste und der weiche Bauch leicht auszumachen sind und im Verhältnis zu den anderen kaum auffallen. Mein Gesicht ist rötlich, scheint beim genauen Hinsehen leicht entzündet, bestimmt nicht gut gepflegt, eher vernachlässigt unter den Schichten von Make-up, die es von früher nicht kannte, und von dem Essen, das neu war, das aus Mikrowellen und Tiefkühlern kam, und von Süssgetränken.
Ich schaue diese Teenagerin an.
Ich schaue mich an.
Und ich weiss, was auf diesem Foto nicht zu sehen ist: wie sehr ich mir die Fingernägel verbiss in jenem Jahr, wie sprachlos ich oft war. Wie schwer das Essen mir fiel. Wie Barb schwieg. Sie schwieg uns an wie eine Schreiende. Ich sagte so oft nichts, weil um mich herum nichts gesagt wurde. Stattdessen klebten bunte Post-its mit Barbs Handschrift an der Zimmertüre, sobald eine Regel nicht bedacht, etwas falsch gemacht worden war oder etwas geklärt werden musste. Man hatte es stumm wahrzunehmen, einzusaugen und nicht zu wiederholen. Meine Türe war häufig sehr bunt.
Wie sehr ich versucht war, dauernd höflich, dauernd richtig, dauernd wach zu sein. Ich war dort, weil die gute Leistung in der Schule mir das erlaubt hatte.
Ich weiss noch, wie oft ich krank war: ständig.
Ich brauche eine Pause.
Fahre ich wegen all dem wieder hin?
Ich brauchte 17 Jahre lang eine Pause von diesem Land, von dieser Landschaft und ihren mir doch bekannten Menschen. Vielleicht hat das Jahr in den USA die in mir wirkende Integration nochmal auf eine Spitze getrieben, ohne Grund: Es gab kein Ziel, ausser, eine besondere Erfahrung zu machen, keine Belohnung, keinen Pass, nicht einmal gute Noten würden mir, zurück in der Schweiz, etwas bringen. Doch das verstand ich nicht. Ich konnte das Jahr nicht als Pause nehmen.
Heute brauche ich alle 15 Minuten eine Pause. Nach dem Schreiben, nach dem Duschen, nach dem Kochen.
Das Bett ist neuerdings zum westlichen Fenster ausgerichtet, hin zur Nachmittagssonne. Es steht quer im Raum, mittendrin, kein Platz mehr für anderes, ich brauche ihn auch nicht mehr. Neben mir nur die Nachmittagsversorgung auf dem Beistelltisch: Tee, Zitronenwasser, ein Apfel, Nahrungsergänzungsmittel, Kopfwehtabletten, andere Tabletten, Nüsse, Pfefferminzöl, Kopfhörer mit Noise-Cancelling, Handy, ein Buch, selten benutze ich etwas davon, ab und zu nehme ich einen Schluck Wasser, eine Nuss, manchmal das Handy.
Die Zeit ist 2025.
Die Zeit war 2022, als ich mich ansteckte.
Und während drei Jahre vergehen, wird die Zeit zu einer stockenden, sie wiederholt sich, mit wenig Variation. Ich denke immer noch: Sie müsste fortschreiten, ich denke immer noch in Kategorien von Bewegung, von Veränderung, von Fortschritt, während der Körper von der Flut in die Ebbe wandelt, immer weiter zurück. Es ist schwer, von dieser Zeit zu berichten, zu erzählen, sie hat zwar einen Anfang, aber keine Mitte, keinen Höhepunkt, keine Dramaturgie. Chronisch, vom griechischen Chronos, steht für Zeit. Chronisch bezeichnet etwas, das dauert, das schon lange andauert und noch lange dauern kann. Manchmal lebenslang. Bei einer Krankheit wird der chronisch betroffene Körper über Zeit geschwächt.
Am liebsten würde ich es dem 16-jährigen Ich erzählen oder dem 33-jährigen Ich, doch ich würde sie nur erschrecken. Was hätten sie wohl gemacht, hätten sie gewusst, dass uns das passieren würde?
Stell dir vor, dass dein Tag nur drei Stunden hat.
Und er hat alle anderen Stunden auch. Vierundzwanzig Stunden jeden Tag. Doch sie gehören dir nicht mehr, du kannst nicht über sie verfügen. Sie werden übernommen von Schmerz, Müdigkeit, Übelkeit, allem zusammen oder einem davon. Jeden Tag. Du verfügst nicht über diesen Zustand. Du bist irgendwo dazwischen, ungreifbar.
Oder du sitzt gerade beim Arzt, im Wartezimmer, am Telefon mit deiner Therapeutin, du meditierst, ruhst dich aus oder machst irgendein anderes Ritual, um deinem Körper, oder dir, zu helfen. Doch diese Stunden gehören dir nicht. Du bist nicht frei in ihnen.
Stell dir vor, dass du nur drei Stunden am Tag hast.
Manchmal vier.
Manchmal zwei.
Du kannst gehen, theoretisch kannst du sogar rennen.
Dein Kopf kann denken.
Deine Glieder funktionieren.
Doch dein Körper reagiert nach jeder grösseren Bewegung, Anstrengung, Verausgabung, sei diese körperlich oder emotional, als hättest du, trotz Beinen, die gut gehen können, mit Fieber eine Wanderung auf den Kilimandscharo unternommen. Er meldet sich nie sofort. So weisst du in keinem Moment, ob du eine Grenze überschritten hast. Welche auch, so unsichtbar, wie sie ist? Jede Grenzüberschreitung wird verzögert gemeldet, manchmal wenige Stunden, manchmal einen halben Tag später. Durch Schmerz in allen Gliedern, in den Armen, den Beinen, im Kopf. Durch Migräne. Durch eine Erschöpfung, die kaum zu beschreiben ist.
Diese drei Stunden am Tag: was immer du in ihnen tust, egal wie klein oder gross es ist, du fragst dich dabei stets, ob es zu viel gewesen sein wird. Du zählst, du misst, du überlegst und machst dich dabei verrückt. Du kriegst Angst und wirst trotzig. Und du sagst: Es kann nicht zu viel gewesen sein, dass ich die Spülmaschine ausgeräumt und mit einer Freundin telefoniert und danach die Wäsche aufgehängt habe.
Weil der Tag noch gar nicht vorbei ist. Weil der Tag nicht einmal begonnen hat. Weil du noch gar nicht draussen warst. Weil du noch keine Rechnungen bezahlt hast, nicht gearbeitet hast, kein Kind von der Schule abgeholt hast, an keiner Demonstration teilgenommen hast, keine Reise unternommen hast, nicht zu Mittag gegessen, nicht zu Abend gegessen, nicht einmal gekocht hast.
So würde ich versuchen zu beschreiben, was ich erlebe. Wie ich das oft versuche: für Freunde, Familie, Ärzt:innen, Arbeitgeber:innen. Doch abgesehen von meinem nächsten Umfeld kann niemand das mit-erleben. Das erlebt man nicht bei einem Besuch, einem Kaffee oder einem Telefongespräch. Nur wer mehrere Tage mit mir verbringen würde, würde verstehen, was hinter diesen Worten liegt. Der Rest ist Vermittlung.
„Man erkennt sich nicht wieder“, schreibt Jean-Luc Nancy in seinem Essay „Der Eindringling“. „Bald schwebt man nur noch, in der Fremdheit einer Suspension, zwischen den Zuständen, die man nicht richtig bestimmen kann, zwischen Schmerzen, Ohnmacht und Versagen. Sich zu sich selber verhalten ist zu einem Problem geworden, zu etwas Schwierigem und Undurchsichtigem. Es ist nichts (...) Unmittelbares mehr. Vermittlungen aber ermüden.“[i]
Es gibt Fachbegriffe. Ob diese weiterhelfen? Sie beschreiben, doch sie sind losgelöst von Behandlungen und Genesungsmethoden. Meist ohne welche im Angebot:
post-exertionelle Malaise. Jedes dieser drei Wörter klingt bedrohlich. Post ist nie gut, ausser in der Kunst, exertionelle klingt nach Militär, nach striktem Regime, Word möchte das Wort korrigieren, kennt es nicht, niemand kennt das Wort, Malaise klingt sowieso nicht gesund. PEM, die Abkürzung, mein Umfeld lernt es und vergisst dennoch immer wieder, wofür die Buchstaben stehen.
Umfeld. Mein Umfeld. Auch das wird zu einem Fachbegriff. Ist Ihr Umfeld informiert? Hilfsbereit? Haben Sie ein gutes Umfeld?, werde ich oft gefragt. Das mich umgebende Feld wird tatsächlich immer kleiner. Und von neuen Fragen besetzt: Wie nah kann ein Mensch sein? Wie viel Zeit hat ein Mensch? Kapazitäten? Verständnis? Und was genau bedeutet Verständnis in diesem Zusammenhang? Oder besser: andauernden Zustand? Wer hat tatsächlich Zeit für dieses anscheinend unaufhörliche, unerhörte Dauern?
Fatigue. Auch einer dieser Begriffe.
Wieso hat uns das Französische all diese bedrohlichen Wörter gegeben?
Fatigue klingt wiederum zu harmlos. Eine Ausrede. Bist du etwa müde? Na ja, schlaf ein wenig. Schön wäre es, würde der Schlaf regenerierend wirken. Doch das tut er nicht. Zusätzlich treten Schmerzen, Kreislaufstörungen und immunologische Symptome auf.
Meist lassen die Ärzt:innen und Fachpersonen mich und mein Umfeld allein mit dieser sogenannten Fachsprache. Fremdsprache. Mit diesen Bildern, die ich verstehen kann, doch ich weigere mich, diese Definitionen als meine anzunehmen.
Niemand kennt sich tatsächlich aus. Niemand versteht mich so, wie ich mich gerade erst kennenlerne.
Und so liege ich nachts zitternd im Bett. Gefangen. In einem Körper, der nur noch aus Schmerz besteht. Und mit einer Angst, die ich nicht als meine kenne.
Der Auslöser war das Virus. Covid.
Die Diagnose: postvirales Erschöpfungssyndrom.
Ich war 36 Jahre alt. Jetzt bin ich 39 Jahre alt.
Keine Zelle meines Körpers war auf eine solche Situation vorbereitet.
Ich denke an die Reise von 2019 mit einer Kraft zurück, weil in ihr eine kurze Klarheit lag: Ich wollte mir eine Vergangenheit anschauen, eine Situation, in welcher mir Verbundenheit und Offenheit unmöglich schienen. Und ich wusste, dass ich nun auf einer anderen Seite, auf anderen Füssen stand, mit anderer Kraft. War ein neuer Blick möglich? Gibt es den erneuerten Blick?
Dairy Queen ist 2019 immer noch da, ebenso die Stadtbücherei. Miss Andreaʼs Dance Factory ist jedoch geschlossen. Und: Bahnschienen, tatsächlich sind da von Gras überwucherte Bahnschienen.
Little Miss Swiss Miss nennt mich Henry, bei dem ich die Airbnb-Wohnung in seinem Efeuhaus gemietet habe, und ich denke, es ist ein erfundenes Wort. Erst später erkenne ich den Namen im Supermarkt wieder, beim Pulver für heisse Schokolade, das in viereckige Kartonboxen gepackt ist: Swiss Miss (Hot Chocolate).
Little Miss Swiss Miss würde gern etwas länger bleiben —?
Ein paar Wochen, sage ich.
Beim Verlassen der Wohnung schaut er zurück, das Fenster nicht aufmachen, rät Henry, und als ich ihn fragend anschaue, sagt er: Einbruch, Unsicherheit, das tut man nicht. Er schaut mich an, als wäre ich die erste Person, die überhaupt auf die Idee gekommen ist, ein Fenster zu öffnen.
Und frische Luft?, frage ich.
You have an AC? And itʼs winter?
Alles endet in einer Frage. Sogar die klarste Ansage.
Es gibt wenige Momente, in denen etwas überwunden zu sein scheint, verwandelt. In denen das Vergangene aus einer sicheren Distanz mit offenen Augen betrachtet werden kann. Ich lebte als Teenagerin ein Jahr lang an diesem Ort namens Rockton. Der Elefant im Raum an solchen Orten ist, dass man nicht fragen soll: Wohin wirst du als Nächstes gehen? Wer an einem Ort wie Rockton aufwächst und lebt, an dem früher die Kriminellen von Chicago ausgesetzt wurden (dafür die Bahnschienen, mittlerweile ausser Gebrauch) und wo weder die Gesellschaft noch die Landschaft viel mehr bieten als Arbeit zum tiefsten Stundenlohn und die berauschende Weite einem keinerlei Ambitionen abverlangt, für den liegt das Gefühl, dass er oder sie tatsächlich festhängt, dass alles andere meilenweit entfernt liegt und dass dieser Ort ein Weiterkommen verhindert, greifbar in der Luft.
Doch meine ganze Erziehung, die ich als mein Ich wahrnahm, als mein Wesen, bestand daraus, immer weiter zu fragen: Wohin werde ich als Nächstes gehen? Rockton, Illinois, war nur eine Station auf diesen Wegen, die Frage erlaubt keine Rast. Rockton wurde zugleich zu der Station, welche diese Frage in Frage stellte, welche Halt erforderte, keine eigene Bewegung, und die Frage „Darf ich zu Fuss gehen?“ zu einem fremden Satz werden liess. Es war der Ort, an dem diese Frage nicht gestellt werden konnte, und trotzdem war es zugleich auch der Ort, an dem die meisten Mitschüler:innen hofften, träumten, davon sprachen, woanders hinzukommen: Sie wollten Schauspieler, Regisseurin, Footballer oder beste Tennisspielerin werden, in Chicago, New York, in Europa! Europa leuchtete, fast unerreichbar. Der Einzug in die Armee und ein einfaches Studium am Community College waren viel wahrscheinlicher. Ich kam von dort, von diesem Europa, und würde auch wieder dorthin zurückgehen. Würde nicht gehindert werden. Und doch verfiel ich in Rockton immer mehr in diese mich umgebende Stimmung: Ich spürte, dass ich nicht mehr wegkommen würde. So sehr nahm mich die Umgebung ein. Das Umfeld.
Vielleicht haben sie recht, wenn sie stets nach dem Umfeld fragen: Ist Ihr Umfeld informiert? Hilfsbereit? Dabei sollten sie lieber fragen: Spricht das Umfeld Ihre Sprache? Lernt es Ihre neue Sprache? Versteht es Ihre Worte? Versteht es Ihre Zeit?
Vielleicht ist es jetzt das, was ich am dringendsten brauche, dieses Bild der 33-Jährigen, die zurückfährt und weiss, dass es die Möglichkeit gibt zu sagen: Wohin wirst du gehen? Dass die Landschaft nicht begrenzt ist und das Umfeld ebenso wenig.
Es ist eben diese Weite, die mich 2019 zurückholt, die mir den Atem nimmt, während ich zu einer Bar fahre, um Henry und einige seiner Freunde zu treffen.
Die Prairie Street Brewing Co. ist ein dunkel getäfelter, grosser Raum und bis auf sechs Freunde von Henry in einer Ecke leer. An der Decke drehen sich Ventilatoren und auf mehreren Bildschirmen läuft Sport, alle trinken Bier, bestellen für mich eine lange Holzstange mit sechs Vertiefungen für kleine Gläser, etwas grösser als Schnapsgläser, für die Bierproben mit Namen wie „Peach“, „October“, „Wavey“ und „Screw“.
Henrys Freunde sind um die sechzig, grösstenteils pensioniert, und wollen alles über mich wissen. Ich bin durch die wilde Mischung der Bierproben viel zu gesprächig. Schreiben, sage ich auf die Frage, was ich denn hier vorhätte. Oh how interesting, sie lächeln mich freundlich an mit ihren runden, roten Gesichtern und den Bäuchen. Plötzlich ist sogar ein Feuer im Kamin neben uns, ich fühle mich wie unter den Freunden meiner Eltern, nur sind es hier Truckfahrer, Lehrer, Bauarbeiter, Krankenschwestern und nicht Ingenieure, Architekten oder Sales Manager, die über die halbe Weltkugel jetten.
Ich sitze neben Kim, heute hatte sie wieder Helikopterdienst, sagt sie und fragt mich, was ich gerade schreibe, und ich weiss nicht, wie ausholen, wie weit, wie viel, in welchem Rahmen das Erzählen stattfindet, wo bin ich eigentlich gelandet, wo sitze ich gerade mit wem? Mein Mund ist schneller als diese kurze Unsicherheit, ich erzähle von dem Theaterstück, das ich schreibe, die Hauptpersonen seien ältere Menschen, die Generation meiner Eltern, die in den 90er Jahren in den deutschsprachigen Raum eingewandert seien, teils aus ökonomischen Gründen, teils wegen des Krieges, und es interessiere mich, was dieser lange Aufenthalt in der Fremde oder eben nicht mehr Fremde mit ihnen mache, wo sie begraben werden wollten, ob sie bleiben oder wieder zurück in ihre Herkunftsländer gehen wollten. Und warum es so leise um sie geworden sei. Sie könnten so viel erzählen, könnten Menschen, die neu ankommen, mit ihren Geschichten zu Verbündeten machen. Doch ihre Leben kämen nicht vor in der Gesellschaft, es seien immer nur jene von Interesse, die neu in ein Land kämen. Als würde es zum ersten Mal passieren, dass Menschen einwandern, als gäbe es keine Geschichte, keine Referenzen, keine Menschen wie sie, die darüber berichten könnten, keine Verbindungen. Diese würden absichtlich gekappt, und das interessiere mich, sage ich, jetzt ist mein Gesicht rot, euphorisch, während die anderen leiser geworden sind, nur ein kleiner, korpulenter Mann, Randy, fragt, aus Höflichkeit: Und daran wirst du bei Henry arbeiten? Und ich spüre einen Ruck im Raum, etwas stimmt nicht mehr. Ja, auch, antworte ich kurz angebunden, toll, sagt er, und ich fühle mich nackt.
Kim möchte helfen und fragt mich, was ich gerade lese, das scheint ihr eine gute Frage für eine Dramatikerin, und ich wende mich dankbar von der Gruppe ab, versuche von etwas zu erzählen, das sie auch kennen könnte, und sage, ich habe gerade in der Biographie von Michelle Obama gelesen, dachte, das sei eine gute Vorbereitung. Kim nickt, Kim war Krankenschwester in der Army, Kim ist sehr froh darüber, für die Army gearbeitet zu haben, Kim sagt, erstaunlich leise zu mir, die meisten hier würden republican wählen, sie flüstert, als wäre es regelrecht gefährlich, nicht republican zu sein, und ich schaue mich um, schaue diese gastfreundlichen, runden Gesichter an und stolpere über meine eigene Blindheit, hätte nicht gedacht, dass Henry, der seine Wohnung an die halbe Welt vermietet, dass dieser Henry – aber sie nicht, sagt Kim, but you have to know, sie habe den Anfang von Michelle Obamas Buch nämlich auch gelesen und es habe ihr ein high gegeben, so vieles habe sie plötzlich verstanden: Das mit den Muslimen, das sei ja verkehrt herum. Nicht sie greifen uns an, sondern wir sie, sagt Kim und nickt mir zu und meint damit: Das haben nur wenige verstanden, und hier, in diesem Kreis, hat das niemand verstanden. Amazing!, sagt sie und in dem Moment weiss ich nicht, ob sie Michelle Obama, die angreifenden Amerikaner oder ihre verirrten Freunde meint.
Ich lasse die Zeit etwas plätschern und höre zu, um den Puls zu beruhigen, die Ventilatoren drehen sich schnell und mir ist kurz schwindlig. Wohin ist die Weite verschwunden, durch die ich eben noch mit meinem Auto gefahren bin? Jemand spricht über die Ökonomie, die im Keller sei, jemand spricht darüber, dass der davor alles ruiniert habe, dass sie nun alle in der Krise seien, jemand spricht von Versicherungen, jemand spricht von Schulden nach einem Krankenhausaufenthalt, von 60.000 Dollar Schulden, obwohl die Krankenkasse gesagt habe, sie würde die Operation übernehmen, aber dann doch nicht, denn er würde monatlich zu wenig Prämie bezahlen, 500 statt 1.000, stell dir vor, während die Immigranten alle umsonst ins Krankenhaus könnten, jemand nickt, jemand spricht davon, dass er wieder genau gleich wählen werde, dass es die einzige Option sei, dass alles andere sie nur in den Ruin treibe, die Demokraten treiben sie in den Ruin, die RINOS, alle nicken und ich frage mich: Welches Rhino? Welches Rhinozeros? Jemand sagt, dass Frauen und Schwarze noch nie so gut verdient hätten wie jetzt, jemand fragt, ob ich Kinder habe, jemand fragt, ob ich einen Mann habe, jemand fragt, ob ich abtreiben würde, jemand sagt, dass er das noch verstehen würde, würde seine Tochter mit 18 doch Sex haben, wäre bei ihr die Pille danach o.k., aber alles danach geht nicht mehr, wobei Sex bei ihm nicht wie Sex klingt, sondern wie Söäax, ein verbotenes Wort, vor dem die Tochter am besten lebenslang geschützt werden müsse, ich möchte etwas sagen oder aufstehen, klebe aber fest, sie machen unbeirrt weiter, ob ich denn eine RINO sei, so leise, wie ich bin, und ich schaue Kim an und sie flüstert: Republican In Name Only, R, I, N, O, nein, sage ich, und ich murmele etwas von Freund, Zuhause, Familie, murmle, meinem Freund seien Familienwerte sehr wichtig, und schäme mich, denn ich lüge, um mich vor diesen runden Gesichtern und ihren anbiedernden Fragen zu schützen, ich lüge, um nicht mit ihnen zu streiten, ich stehe nicht ein, wofür ich immer eingestanden bin, um nicht aufstehen und gehen zu müssen. Und während ich lüge, nicken die Senioren um mich herum endlich, jemand lacht, jemand schlägt mir auf die Schulter, atta girl, Feigling, denke ich, jemand bestellt Chips.
Und ich atme anders, alles atme ich nun anders ein, sehe diese weissen Menschen vor mir, weiss und gemütlich und bedrohlich leben sie hier in einer zufälligen kleinen Stadt in diesem riesigen Land, unbedroht, leben weit weg von Einwanderungsgebieten, Küsten oder Mauern, mit Grenzen nur an andere Bundesstaaten, werden sich nachher in ihr grosses Auto setzen, jeder für sich, höchstens zu zweit, um nach Hause zu fahren, in ihre eigene Garage, vor ihren eigenen Fernseher, in ihre grossen, weichen Betten und morgen wieder im Garten sitzen, auf ihrem Deck, wie das hier alle nennen, als wären diese kleinen Terrassen auf der Rückseite des Hauses Schiffe. Und sie werden so tun, als wären sie bedroht, während sie das, was sie wirklich bedrohen könnte, versehen. Ständig versehen. Oder verwechseln?
Bei der Verabschiedung umarmen mich alle, du bist toll, sagen sie, und: Wir wollen dich unbedingt wiedersehen. Henry, bringst du sie wieder mit?
Wieder eine Verwechslung?
Um 21:57 Uhr liege ich betrunken im Queensize-Bett in Henrys Wohnung und versuche mir darüber klar zu werden, ob ich den immer noch ungeöffneten Koffer morgen ins Auto hieven und weiterfahren sollte. In den Drehungen des Zimmers und auf dieser zu weichen Matratze scheint es mir kurz gefährlich, so nahe an Henry zu wohnen, Wand an Wand. Auch damals lag ich Wand an Wand mit der republikanischen Gastfamilie, ohne ein eigenes Auto, ohne die Kraft, ohne die Erziehung, mir selbst die Erlaubnis zu geben, zu sagen: Ich gehe, zurück oder woanders hin. Ich bin geblieben, bei Barb und dem Pastor, die sich nie vorstellen könnten, dass ihre Töchter einen Schwarzen Partner hätten oder Sex vor der Hochzeit oder dass der Krieg im Irak ein Fehler war. Die sicher 2016 Trump gewählt haben.
Auch jetzt, auch heute habe ich keine Kraft mehr wegzufahren. Ich kann es schlichtweg nicht. Grundsätzlich kann ich weiterhin ein Auto fahren, ich habe es nicht verlernt, doch die Konzentration bei einer 15-minütigen Fahrt könnte schon Symptome auslösen, einen „Crash“ oder im besten Fall „nur“ eine Migräne. Schon auf dem Beifahrersitz im Verkehr zu sitzen, ermüdet mich.
Und schlussendlich bleiben mir nun, im Bett liegend, Henrys hohe Schulden bei der Krankenkasse in Erinnerung: 60.000 Dollar. Er brauchte eine Herzoperation, doch als er nur wenige Monate davor seine Krankenkassenprämie senkte, hatte ihm niemand gesagt, dass eine Herzoperation in diesem Paket nicht gedeckt wäre. Nun hatte er ein Herz, das nicht mehr funktionierte, wie es sollte, und Schulden, die ihm Herzrasen verursachten, was er nicht haben sollte.
2019 bin ich nicht weggefahren. Ich habe die Koffer ausgepackt und bin mehrere Wochen in Rockton geblieben. Neuer Blick.
Es bleibt mir heute auch Harvey, den ich aus High-School-Zeiten kenne, Harvey, unscheinbar, der immer mitmachte, leise in einer Ecke, und der weiterhin in Rockton wohnt, ohne die Frage in sich: Wohin gehst du als Nächstes? Als ich ihn 2019 wiedertreffe, arbeitet er in einem Elektroladen für Reparaturen an der Theke. Er wohnt bei seiner Mutter, am Wochenende zockt er und kifft Hasch. Wir trinken Kaffee in „Jessicaʼs Diner“, Filterkaffee und Eiswasser, und er sagt mir, dass er sich die letzten Jahre zum ersten Mal Medikamente leisten konnte und eine Therapeutin. Dass er deswegen arbeiten kann. Und dass das wahrscheinlich bald wieder vorbei sein würde.
Damals verstand ich dieses „bald wieder vorbei“ nicht.
Heute liege ich im Bett, selbst auf der Suche nach passenden Medikamenten und Behandlungen. Selbst in dem Bewusstsein, was es bedeutet, wenn das Geld jeden Monat ebenso für die Miete wie auch für Behandlungen reichen muss.
Liegend erinnere ich, wie Henry und seine Freunde die verpflichtenden Krankenkassen in Europa als „Sozialismus“ verpönt haben. Erinnere mich, dass nur eine Vollzeitstelle eine Krankenversicherung mit sich bringt und dass viele Amerikaner:innen keine Vollzeitstelle haben. Dass sie oft an zwei bis drei Stellen arbeiten, tiefprozentig, um über die Runden zu kommen, und dass viele sich in dieser Situation keine private Versicherung leisten können.
Ich erinnere, dass mein Vater eine Geschäftsreise in die USA unternommen hatte, Anfang der 00er Jahre, und notfallmässig ins Krankenhaus musste. Drei Tage. Die Rechnung, die ihn zuhause erreichte, war im fünfstelligen Bereich. Die Firma zahlte.
Liegend recherchiere ich, in kurzen Zeitabständen, es ist mühselig, diese zerstückelte Arbeit, doch ich möchte diese Stücke und Teile verstehen. Vielleicht ergeben sie fragmentiert mehr Sinn als in einem Fluss.
Ich erfahre, dass in den USA rund 30 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung leben – das macht einen von zehn Menschen.
Ich erfahre, dass weltweit einer von zehn Menschen an Long Covid leidet.
Und dass im Bundesstaat Illinois schon vor der Pandemie jeder zehnte Mensch eine chronische Krankheit hatte.
Ich finde eine Gesundheitsreform von 2010, den „Patient Protection and Affordable Care Act“. Der Kern des Gesetzes verpflichtete und ermöglichte zugleich einen Zugang zur Grundversicherung für alle Bürger:innen und versuchte so, die Gesamtkosten für diese zu senken. Die hohe Zahl an Versicherten verteilte das Risiko auf viele, und wer nicht mitmachte, musste nach neuem Gesetz eine Geldstrafe zahlen.
Als Harvey mir beim Filterkaffee trocken mitteilte, dass das wahrscheinlich bald wieder vorbei sein würde, und auch hinzufügte, dass er sich die Medikamente dann nicht mehr leisten könne, dass er sie vielleicht anfangs noch etwas strecken würde, doch die Symptome nach und nach auftauchen und er nicht mehr arbeiten können würde, meinte er damit, dass die republikanische Administration es geschafft hatte, diese Pflicht wieder aufzuheben.
Die republikanische Administration sagte dazu nur: „We eliminated an especially cruel tax.“[ii] Und versprach zeitnah einen Ersatz.
Doch der Ersatz kam nie. Und blieb rätselhaft.
Was kam, war 2020 die Pandemie.
Eine Zeit, in welcher viele US-Amerikaner:innen den Zugang zu einer öffentlichen Krankenversicherung verloren.
Heute scrolle ich weiter. Während meine Zeit sich verlangsamt, rast eine andere Zeit durch das Handy zu mir: Die Kampagne „Make America Healthy Again“ läuft an. Sie behauptet, eine Vielzahl chronischer Krankheiten zu bekämpfen, während gleichzeitig grossen wissenschaftlichen Studien, unter anderem für Diabetes, das Geld gekürzt wird.
Weitere News: Chronische Krankheiten werden in den USA zu einem negativen Faktor bei der Einbürgerung. Wem zwischen 12 und 36 Monaten aufgrund chronischer Beschwerden Hilfe von einer staatlichen Krankenversicherung zukommt, der oder die kann von der Einbürgerung ausgeschlossen werden.
Mein Zustand, der von einem Tag auf den anderen unerwartet, ungeplant mein Leben veränderte, dauert nun schon fast 36 Monate an. Und es ist noch kein Ende in Aussicht, nur ab und an Besserung, in Wellen. In meinem Alter befanden sich meine Eltern seit knapp zehn Jahren in der Schweiz und hatten endlich das Anrecht, einen Antrag auf Einbürgerung zu stellen. Meine Mutter litt damals schon unter chronischen Schmerzen. Meine Mutter ging mit all ihren Schmerzen stets zur Arbeit, erzog zwei Kinder, baute einen Alltag für diese in einem fremden Land auf, in dem die Kinderbetreuung fast ihren gesamten Lohn als Architektin kostete, und die Grosseltern wohnten 1.000 Kilometer entfernt.
Nach vielen Jahren von Funktionieren und Anpassung in der Schweizer Gesellschaft, die durch ihren Leistungsdrang und ihre neoliberale Lebensform der amerikanischen immer näher zu kommen scheint, hatten sie das Recht erworben, Schweizer Bürger:innen zu werden. Was wäre gewesen, hätte ein Gesetz die Einbürgerung meiner Familie aufgrund der Schmerzen meiner Mutter als negativ bewertet?
Der Weg zu einer Einbürgerung, zu einem stabilen Leben in einem fremden Land ist einer, der auf Kraft und Ausdauer basiert. Der Schwäche und Krankheit nicht zulässt. Du darfst keine Schulden machen, du darfst nicht auffallen, du musst Arbeit und Stabilität haben, du musst mehr haben, als du brauchst, um anerkannt zu werden. Jede chronische Krankheit gestaltet jedoch ein Leben, in dem mehr und weniger zu neuen Parametern werden. Ich spüre es täglich an meinem neuen alten Körper. Mehr ist für mich: einen Block weiter zu spazieren. Einen Absatz mehr zu schreiben. Mehr bedeutet nicht, dass es morgen nicht wieder weniger sein würde. Mehr bedeutet auch: mehr Unterstützung. Mehr Zeit von anderen. Mehr Zeit für alles.
In der Pandemie schreiben wir uns, Harvey und ich, Henry und ich: Wie gehtʼs? Alles gut, ja. Die Zeit steht still. Die Zeit vergeht. Ein Sommer. Zwei Sommer. Die Pandemie verbindet uns dort, wo sie uns räumlich trennt: Jede:r kann krank werden. Egal wo. Wir teilen dieselben Sorgen, Henry, Harvey und ich. Eine Pandemie in unterschiedlichen Systemen. Dann kommen Impfungen, Neuigkeiten: Es scheint besser zu werden, es scheint zu vergehen, es muss doch langsam, denke ich, denken alle. Und dann werde ich krank, 2022 habe ich zum zweiten Mal Covid und bleibe krank, auch nachdem ich genesen bin. Der Test zeigt nur einen Strich, doch ich komme nicht mehr auf die Beine.
Und während die Grenzen aufgehen, die Partys wieder beginnen, Besuche im Altersheim wieder möglich sind, ebenso wie das Reisen in vollen Zügen, wollen alle vergessen, wie diese Isolation war, wie der Mangel war, während dessen Paare sich zerstritten hatten, Familien auf engem Raum gelebt und Freischaffende ihre Karrieren verloren hatten. Ebenso scheint schnell vergessen, wie wir mehr Zeit füreinander hatten, mehr Raum fürs Zuhören, fürs Nachfragen; und während all das für vorbei erklärt wird, gehen die Gesunden nun wieder hinaus, auf die Strassen, in die Welt, kämpfen für die alten Wege und Rituale, sagen oft: Ach, so schlimm war das doch alles nicht. Sagen im Nachhinein plötzlich, nebenbei: So eine Geschichte um ein bisschen Husten, und ich zucke zusammen. Und ich beginne erst, die tatsächliche Isolation kennenzulernen. Langsam. Und lang.
Als in den USA derselbe Präsident gewählt wird wie 2016, liege ich im Bett. Ich denke an Henry und seine Freunde, die bestimmt Bier trinken und sagen: Richtig so. Ich denke an Harvey und frage mich, wie es ihm geht. Die Frage, ob er wohl medizinisch adäquat versorgt wird, stelle ich mir gar nicht.
Ich denke an die 400 Millionen Menschen weltweit, die durch Long Covid, durch Müdigkeit, Schmerzen, eine starke Belastungsintoleranz und viele weitere Symptome buchstäblich und über Nacht aus ihrem Alltag gerissen wurden. Die Frage, ob sie wohl medizinisch adäquat versorgt werden, stelle ich mir auch nicht mehr.
„Als wäre ich sowohl am 20. Jahrhundert erkrankt als auch mit ihm behandelt worden“[iii], schreibt Anne Boyer über ihre Krebsdiagnose. Vielleicht sind wir am 21. Jahrhundert erkrankt?
Ich denke daran, dass ich die nächsten fünf bis zehn Jahre keine Taggeldversicherung abschliessen kann, weil ich nicht gesund genug bin, um die Aufnahmekriterien zu erfüllen. Und ich denke daran, dass ich diese Versicherung immer aufgeschoben habe, dass ich mich als gesund empfunden und gedacht habe, das mache ich dann mit vierzig. Ich denke daran, dass ich 2019 weder Henry noch Harvey gefragt habe: Kann ich etwas für dich tun? Und ich denke daran, dass eine grosse Rechnung bei meiner Krankenkasse noch heute offen ist. Die Rechnung ist von 2023, da sich bis heute niemand mit der neuen Krankheit auszukennen scheint und abgewogen wird, ob die damalige Behandlung übernommen wird.
Und während die Krankenkassen abwägen und ich warte und liege, während die Mehrheit weiterlebt, in ein altes, bekanntes Tempo fällt, in eine Zeit, die mit meiner nicht mehr kongruent ist und in der Gespräche immer schwieriger werden, denn sie wissen nach und nach nicht mehr, was sie sagen sollen, und Fragen wie „Wohin wirst du als Nächstes gehen? Was wirst du als Nächstes tun?“ sich nicht mehr auf Reisen beziehen, auf Projekte, auf Arbeit, auf die Frage nach Kindern, nach Elternschaft, sondern nur noch auf einen Arzttermin, eine Behandlungsmethode, eine neue Therapie — während all das passiert und auseinanderfällt, vergeht Zeit. Und auch wenn mein Körper einen neuen Rhythmus hat, werde ich nicht warten, bis die Krankenkasse, bis die Ärztinnen oder mein Umfeld Zeit und eine Sprache für mich finden, Methoden finden, Raum finden in ihren plötzlich wieder so vollen Tagen, bis ich wieder gesund werde, bis eine Heilung gefunden wird. Ich werde nicht darauf warten, diese Frage wieder gleich beantworten zu können, ich werde sie lieber umformulieren.
Sie könnte auch lauten: Was ist deine Zeit?
Wir wählen die Zeit nicht aus, in der wir leben, in die wir geboren werden, in der wir Kriege, Pandemien erleben, krank werden oder sterben. „Man kreuzt eine persönliche Kontingenz mit einer Kontingenz in der Geschichte der Gesundheit, der Technik“, schreibt Jean-Luc Nancy weiter in seinem Essay. Wäre alles früher geschehen, wäre ich vielleicht am Virus gestorben, hätte sich alles später ereignet, wären andere Behandlungsmethoden erforscht und zugänglich.
Für mich gibt es aber nur eine Zeit.
Die Zeit ist heute.
QUELLEN
[i]. Jean-Luc Nancy, Der Eindringling, Berlin 2000.
[ii] State of the Union Address, 30. Januar 2018.
[iii] Anne Boyer, Die Unsterblichen, Berlin 2021.