Boris Schumatsky
MIT RUSSLAND STERBEN
Meine Schwester ruft mich aus Moskau an, es ist Sommer, bis zur Annexion der Krim sind es noch zwei Jahre, gerade wurde eine landesweite Protestwelle niedergeschlagen und viele, auch ich, haben wieder einmal das Gefühl, als gäbe es nichts Neues mehr über Russland zu sagen. Da sagt meine Schwester: „Papa hat Krebs.“
Ich frage sie weder „Ist das sicher?“ noch „In welchem Krebsstadium ist er?“. Ich spüre keine Angst vor Vaters bevorstehendem Tod, ich denke nur an den ihm bevorstehenden Schmerz. Stärkere Schmerzmittel gelten in Russland als verbotene Drogen. Wer dieses Verbot ignoriert, ob Arzt, Patient oder Angehöriger, wird wie ein Drogendealer behandelt und mit mehreren Jahren Lagerhaft bestraft. Schmerzmedikamente sind vorhanden und preiswert, aber ihre Herausgabe ist von unzähligen Vorschriften umstellt. Bevor Ärzte aus Zeitmangel oder Versehen gegen eine Vorschrift verstoßen, verschreiben viele von ihnen lieber gar keine Schmerzmittel. Patienten müssen leiden, und wer dieser staatlich verordneten Tortur entgehen will, besorgt sich manchmal Heroin bei echten Drogendealern oder begeht Selbstmord.
Ich höre meine Schwester „Krebs“ sagen, und schon kann ich Vaters Schmerz fast selbst spüren – wie den Bohrer damals in meiner Kindheit, als ich die Tage bis zum Zahnarzttermin zählte. Der Schmerz war in Russland nie weit weg. Zweimal bohrten sie damals so lange in einen kranken Zahn von mir, bis sie den Nerv trafen. Dann stopften sie Arsen hinein, um den Nerv abzutöten, und später kam eine Füllung drüber. Das war die übliche Behandlung. In meiner Schule gab es einen Extraraum mit einem Bohrer, aber nur für kurze Zeit, denn niemand ging freiwillig hin. Die Moskauer Medizinbehörde hatte veraltete Turbinen – so heißen die Zahnarztbohrer auf Russisch –, die sehr langsam waren, in die Schulen abgeschoben, und je langsamer, desto schmerzhafter war das Bohren. Wer Beziehungen hatte, ging zu Zahnärzten mit neueren, schnelleren Bohrgeräten, am besten importierten. In der Sowjetunion legte man wenig Wert darauf, dass die Patienten keine Schmerzen hatten: terpi, hieß es, du musst es aushalten, ertragen, wörtlich dulden. Meine erste Betäubungsspritze bekam ich in Deutschland, in Russland hieß es: „Männer weinen nicht.“ Ich bin einer dieser Männer, die nie gelernt haben zu weinen.
Moskau glaubt nicht an Tränen
Jetzt schreibe ich doch über Russland, und ich wundere mich über mich selbst. Wie oft sagte ich anderen und mir: „Russland interessiert mich nicht.“ Wie oft dachte ich, über mein Geburtsland sei bereits alles gesagt worden, von fast allen, auch von mir. Wie oft wollte ich aufhören, mich mit Russland zu beschäftigen. Spätestens als ich vor dreißig Jahren von Moskau nach Berlin zog. Da rollten gerade russische Panzer in Grosny ein, der erste Tschetschenienkrieg begann. Ich fuhr in diesen Krieg, berichtete darüber und wollte dann endlich etwas anderes schreiben. Doch immer wieder kam ein neuer Krieg, ein neuer politischer Mord, „grüne Männchen“ landeten auf der Krim, russische Raketen zerstörten Wohnhäuser, russische Soldaten drehten Foltervideos, und ich sah mich gezwungen, all das zu erklären. Den anderen und nicht zuletzt mir selbst. Ich kann nicht leugnen: Russland hält mich fest.
Der Name meines Geburtslandes löst bei vielen Menschen auf der Welt immer noch ein warmes Gefühl aus – jedenfalls in den Ländern, die es noch nicht überfallen hat. Das wahre Russland soll angeblich ganz anders sein als seine Herrscher: liebevoll, spirituell, friedlich. Deshalb demonstrieren viele für den Frieden mit Russland und lehnen es ab, der angegriffenen Ukraine Waffen zu liefern. Auch in Russland selbst halten viele an einem „anderen Russland“ fest, an einem „schönen Russland der Zukunft“. Ich kann ihre Hingabe gut nachvollziehen, denn egal, wie viel Gewalt und Schmerz ich sehe und wie lange und wie weit weg ich von Russland bin, ich werde es nicht los. Ich will mich aus dieser Gefangenschaft befreien, also schreibe ich.
Meine Schwester schluchzt am Telefon. Frauen dürfen in Russland zwar weinen, müssen aber trotzdem mehr aushalten als Männer. Zu meiner Mutter sagte einmal eine Abtreibungsärztin: „Tut’s weh? Dann denk an den Spaß, den du damals hattest.“ Diese Frauenklinik galt übrigens als gut, meine Mutter wurde nur aufgenommen, weil meine Oma eine „Oberschwester“ war, Stationsleiterin in einem anderen großen Krankenhaus. Frauen ohne Beziehungen bekamen noch öfter zu hören, sie müssten alles terpet, aushalten. Bis in die 1960er Jahre waren Abtreibungen eine gängige Form der Geburtenkontrolle. Sie wurden massenhaft durchgeführt, meist ohne Betäubung. Denn wenn Frauen keine Kinder für ihr Vaterland gebären wollten, sollten sie dafür leiden.
Heute schneiden russische Kliniken im globalen Vergleich gar nicht so schlecht ab, vor allem in den Großstädten. Die Diagnostik erfolgt nach der neuesten ICD-Klassifikation, die Behandlung nach den Empfehlungen der WHO. Meine Schwester erzählt, dass Vater für seine Chemotherapie sogar ein neues Medikament aus Frankreich bekommt. Zweimal in der Woche geht er zur Chemotherapie und zwei- bis dreimal zur Arbeit. Noch braucht er keine Schmerzmittel. In den russischen Internetzeitungen, die damals noch relativ frei waren, lese ich, dass nur jeder zehnte Krebstote in Russland schmerzfrei stirbt. Irgendwo in der russischen Provinz gibt eine Onkologin ihrer Patientin, einer todkranken alten Frau, eine Spritze Morphin. Es bleibt keine Zeit, alle notwendigen Genehmigungen einzuholen. Die alte Frau stirbt an ihrer Erkrankung, ohne unnötig gelitten zu haben. Die Ärztin kommt in Untersuchungshaft.
Wieder ist es meine Schwester, die mir aus der Wohnung unserer Eltern eine Mail schickt: „Ich glaube, du solltest kommen. Papa geht es viel schlechter. Er isst kaum noch etwas, sein Bewusstsein ist verwirrt. Ich weiß nicht, wie lange das noch so weitergehen kann, aber wenn du noch etwas Zeit mit ihm verbringen willst Punkt, Punkt, Punkt.“
Sie haben Papa umgebracht
Ich steige ein in die Metro, der Waggon ist nicht sehr voll, ich lehne mich an die Glasscheibe der Tür, auf der, wie in meiner Kindheit, Nicht anlehnen steht. Die weißgraue Schrift vor der schwarzen Tunnelwand – und ich fühle mich wieder zu Hause, das heißt in Gefahr. Ein oft beschriebenes Gefühl russischer Heimkehrer:
„Ich fühle mich, als wäre ich – Gott weiß für wie lange – in einen feuchten und krank machenden Keller getreten“,
so beschrieb es Iwan Turgenjew 1850. Für mich ist es nicht so sehr die äußere Kälte, sondern meine Haltung, die ich jedes Mal einnehme, wenn ich die russische Grenze überquere. In unserem Waggon wissen alle, dass sie jederzeit ein böser Blick treffen kann, oder, etwas unwahrscheinlicher, ein Stoß mit dem Ellenbogen, oder, noch unwahrscheinlicher, aber nie ganz auszuschließen, ein Schlag ins Gesicht. Erstochen oder verhaftet zu werden ist dann schon äußerst selten, vor allem, wenn man weiß, wem man besser aus dem Weg geht. Die Gewalt ist immer da und es ist nur klug, ihr nicht den geringsten Anlass zu geben, die Leute besser nicht anzusprechen, sie nicht zu genau anzuschauen.
Wer Polizisten einfach so nach dem Weg fragt, ist entweder ein ausländischer Tourist oder selber Polizist oder dumm. Die anderen gehen schnell an den Uniformierten vorbei, den Blick abgewandt. In Russland ist die Inhaftierungsrate fünfmal so hoch wie in Deutschland, aber die Statistik sagt weniger aus als das alte Sprichwort: „Gegen Bettelsack und Gefängnis ist keiner gefeit.“ Viele Russen sagen, wenn Besuch kommt, inzwischen nicht mehr „setz dich“. Denn sest, sich setzen, kann auch „ins Gefängnis kommen“ bedeuten, dazu will man doch niemanden auffordern, und stattdessen sagt man, prisaschiwajsja, etwa „mach’s dir mal bequem“. Die russische Sprache scheint heute mehr Angst zu haben als zu Zeiten des Bettelsacks. Statt Krieg sagt sie Spezialoperation, statt Explosion Knall, statt Brand Rauchentwicklung, statt Rezession Negativwachstum.
Sich an Nicht anlehnen anzulehnen ist nicht sehr gefährlich, ein Polizist müsste schon sehr schlecht gelaunt sein, um mich deswegen anzusprechen. Das ist kaum wahrscheinlicher, als dass die automatischen Türen sich jetzt öffnen und ich in den Tunnel falle. Außerdem ist gerade kein Polizist im Waggon. Trotzdem ist die Gefahr irgendwo in der Nähe, ich muss darauf vorbereitet sein, muss bereit sein, einen bösen Blick zu erwidern, zurückzustoßen, wenn ich gestoßen werde. Wie die anderen, alle anderen hier, bin ich ein Muttersprachler der Gewalt. Aber nach Jahrzehnten in Deutschland bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich noch in der Lage bin, mich verbal oder körperlich in der Sprache der Gewalt zu verständigen.
Die Fahrgäste in der Moskauer Metro sitzen in zwei langen Reihen entlang der Innenseiten des Waggons, dunkel gekleidet, müde vom Tag. Sie starren auf den Boden oder auf ihre Telefone, und ich denke so deutlich, als würde ich meinen Gedanken ausgesprochen hören: Sie haben Papa getötet. Dieser Satz wird mir in den nächsten Jahren immer wieder durch den Kopf gehen, aber ich werde mich lange Zeit nicht trauen, ihn aufzuschreiben. Denn Krebs ist natürlich überall einfach Krebs, nur nicht in Russland.
Die Menschen in Russland versuchen, für sich Oasen der Sicherheit zu schaffen, safe spaces, in denen sie ihre Würde bewahren können: in der Familie, wenn der Partner nicht gewalttätig ist, im Freundeskreis und, wenn sie viel Glück haben, am Arbeitsplatz. Weiter geht es meist nicht, weiter lauert die Gefahr. Mein Vater hat sein Leben im Schatten der Gewalt verbracht, sein Leben war ein ständiger Kampf um Würde. Jetzt, während ich mit der Metro zu ihm fahre, kann er nicht mehr weiterkämpfen, und es scheint mir, als sei er einem politischen Krebs erlegen, gefallen in seinem einsamen Krieg. In meinem Waggon sitzen Menschen, mich eingeschlossen, die alle eine Mitschuld tragen an der Gewalt, die mit uns in der Metro fährt, an dem bevorstehenden Krieg gegen die Ukraine und auch an dem Schmerz, der meinem Vater bevorsteht.
Als dieser Krieg 2014 auf die Krim und in den Donbas kam, wiesen viele meiner russischen Freunde jegliche Schuld dafür von sich. Sie beriefen sich auf Hannah Arendt, die bestimmt niemals die Schuld bei zufälligen Mitreisenden in einem zufälligen Waggon oder bei sich selbst gesucht hätte, denn, wie sie schrieb,
„wo alle schuldig sind, ist es keiner; gegen die Entdeckung der wirklich Schuldigen oder Verantwortlichen, die Missstände abstellen könnten, gibt es keinen besseren Schutz als kollektive Schuldbekenntnisse.“
Es brauchte den Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, die ausgebrannten Häuser, die genauso aussehen wie das Haus, in dem ich geboren wurde, es brauchte die Bilder von Menschen, die in der Kiewer Metro Schutz vor den russischen Raketen suchen, wo die Züge grünblau sind wie in meiner Kindheit, damit ich endlich, viel zu spät, begreife: Ich muss die russische Schuld anders denken, anders als Hannah Arendt sie gedacht hat. Ich muss sie vielleicht eher so denken wie Jean Améry.
Améry hat das deutsche Konzentrationslager überlebt und doch nicht überlebt, er wurde befreit und trotzdem nie wieder frei von der Gewalt, die er dort erfahren hatte. Die Häftlinge des Gulags haben ähnliche Zeugnisse hinterlassen, sie glaubten, dass man das Böse, das die Menschen dort einander antun, nicht unbeschadet überleben könne. Als Jean Améry diesen berühmten Satz von Hannah Arendt über die „Banalität des Bösen, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert“ hörte, war er zutiefst verletzt. Sie halte das Böse für banal, schrieb Améry, weil sie es „nur vom Hörensagen“ kenne. Das Böse ist konkret und benennbar und niemals banal, und so will ich hier darüber schreiben.
Ich fahre mit der Metro in die elterliche Wohnung, in der mein Vater noch nicht gestorben ist. Doch sein Tod ist schon da, für mich deutlich spürbar. Oder sein Mord, der sich seit langem angekündigt hat, ganz konkret und lange bevor mein Vater an Krebs erkrankte, sogar noch bevor er geboren wurde.
Vater steht auf
Wir sitzen in der Küche, meine Mutter, meine Schwester und ich, mein Koffer steht noch im Flur. „Papa steht kaum noch auf“, sagt meine Schwester, auch seine Stimme sei weg – und plötzlich erscheint mein Vater in der Tür. Er setzt sich, und er spricht. Vielleicht sind das die letzten Worte, die ich von ihm höre. Sein ganzes Leben in einem Satz und auch sein Tod.
„Wollt ihr mich weggeben? Wohin?“, fragt mein Vater. Seine Stimme klingt überraschend jung, er soll ja ein trotziges Kind gewesen sein. Offenbar denkt er, wie Mutter mir später erzählen wird, dass ich extra aus Deutschland eingeflogen bin, um ihn im Krankenhaus abzuliefern. Vater hatte schon als Kind erlebt, wie fremde Männer frühmorgens in die Wohnung kamen, um seine Tante abzuholen, und seitdem wusste er, dass sie jederzeit wiederkommen, ihn in eine Zelle bringen konnten, in Untersuchungshaft, in eines der Moskauer Gefängnisse, deren Namen ich schon als Schuljunge alle kannte. Die Namen der psychiatrischen Anstalten, in denen damals Andersdenkende mit Psychopharmaka gefoltert wurden, konnte nicht jeder aufsagen, aber Vater kennt sie alle, und jetzt will er weder im Gefängnis noch im Krankenhaus noch im Hospiz enden.
In diesem Moment bin ich für meinen Vater wieder dieser Teenager, mit dem er so oft hier am Küchentisch gestritten hat. Oder, schlimmer noch, ich bin für ihn einer von denen, die ihn sein Leben lang gequält haben, gegen die er sein Leben lang aufgestanden ist. Und jetzt wehrt er sich mit letzter Kraft gegen die Verhaftung.
Wir wussten immer schon, wer uns verhaften würde, wenn es soweit wäre. Mein Vater sprach das nie aus, er sagte nur „sie“. „Sie“ hatten für ihn ein und dasselbe Gesicht: kleine Augen, zerfurchte Haut, einen Schnurrbart, den der Dichter Ossip Mandelstam „Kakerlakenbart“ nannte, und im Mundwinkel eine Pfeife – der Vater des Volkes, Josef Stalin.
Als mein Vater noch kein Jahr alt war, ließ Stalin seinen Großvater erschießen. Mein Vater wuchs mit dem Stempel FMVF auf – Familienmitglied eines Volksfeindes – und das war noch eine Untertreibung, auch seine Großmutter, sein Vater und seine Tante waren Volksfeinde, ein ganzes Nest von Vaterlandsverrätern. Mein Vater musste sein Leben lang mit dem, wie Vater ihn nannte, längst verstorbenen „Oberganoven“ kämpfen, erst um ein würdiges Leben, dann um ein würdiges Sterben.
Oberganoven waren für meinen Vater auch alle anderen Kremlführer von Lenin bis Putin, er benutzte für sie das Wort aus dem Straflagerrussisch, pakhan. Wie undifferenziert, dachte ich früher. Erst heute, wieder zu spät, schreibe ich selbst darüber, wie fein eine so unfeine Sprache russisches Leben, russischen Schmerz und russischen Tod beschreibt. Papa, es tut mir leid, dass ich dich nicht für voll genommen habe, das sollte ich wenigstens jetzt zu ihm sagen. Ich richte sein Kissen, ziehe die Decke hoch, sage nichts.
Als Stalin starb, war mein Vater 16 Jahre alt. Sein Großvater war erst ein Mitstreiter Stalins, dann sein Filmminister, dann sein Rivale, dann ließ Stalin ihn erschießen. Und er war Jude. Die Probleme hat mein Vater von ihm geerbt, er wollte nach der Schule Film studieren. Aber die Filmkunst spielte eine Schlüsselrolle in der sowjetischen Staatspropaganda. Selbst nach Stalins Tod verwehrten „sie“, wie Vater sie nannte, den FMVFs – den Familienmitgliedern von Volksfeinden – den Zugang zur Moskauer Filmhochschule. In anderen künstlerischen Disziplinen waren wiederum Juden unerwünscht. Mein Vater biss die Zähne zusammen und studierte Werkzeugmaschinenbau, das war auch für ehemalige Volksfeinde und für nicht gegenwärtige Juden möglich.
Ich schreibe im Wohnzimmer meine Mails, als Vater in der Tür seines Zimmers erscheint. Er hält sich am Türrahmen fest, macht einen Schritt, bleibt stehen. So geht er zwei-, dreimal am Tag zur Toilette, kämpft sich unmenschlich langsam an der Wand und dem Glasschrank mit den guten Gläsern entlang, die meine Eltern nur für Besuche hinstellen. Dann bleibt er lange auf der Toilette, muss sich wohl nach dem anstrengenden Weg erst einmal ausruhen und Kraft für den Rückweg durch die Wohnung sammeln. Meine Mutter hat ihm einen Nachttopf hingestellt, den Vater anscheinend peinlich findet, er will sich nicht auch noch das Letzte nehmen lassen, die Menschenwürde eines fast schon toten Körpers.
Die Zähne zusammenbeißen konnte Vater gut. Auch ich habe es lernen müssen, und der Ausdruck schmeckt mir immer noch nach den Amalgamfüllungen von damals. Als ich in Moskau ankomme, frage ich mich, ob Vater schon schlimme Schmerzen hat oder ob er wieder einfach die Zähne zusammenbeißt? Meine Mutter kauft ihm rezeptfreie Schmerzmittel, aber es ist abzusehen, dass sie nicht mehr lange helfen werden und wir uns nach etwas Stärkerem umsehen müssen.
Zum Glück kenne ich jemanden, der eine Frau kennt, die eine wohltätige Stiftung leitet, die Geld für das Erste Moskauer Hospiz sammelt. Dort soll ich sagen, dass ich von ihr komme, und meinem Vater werde geholfen. Während ich durch das Foyer des Hospizes laufe, höre ich jemanden laut schreien, wie bei unsäglicher Folter. Ich kann nicht sagen, ob es eine Frauenstimme ist oder eine Männerstimme, die nicht aufhört, bis mir nach einer endlosen Minute endlich klar wird, dass da jemand vor Kummer schluchzt, nicht vor körperlichem Schmerz. Physischer Schmerz wäre definitiv schlimmer, scheint es mir in diesem Moment. Mit Kummer würde ich schon zurechtkommen. Vielleicht hat die schluchzende Person ein Kind verloren, und das kann ja immer und überall passieren. Der Tod ist überall gleich, sage ich zu mir, unterschiedlich ist nur das Sterben.
Wahrscheinlich ist Vater früher auf seinem Weg zur Arbeit an diesem Gebäude vorbeigegangen. Nach dem Studium hat mein Vater drei Jahrzehnte lang im Forschungsinstitut für metallverarbeitende Werkzeugmaschinen STANKIN gearbeitet, er habe „ihnen“, wie er sagte, „jeden Tag neun Stunden seines Lebens gegeben“. Den Rest seiner Zeit widmete er der Literatur, der bildenden Kunst, der klassischen Musik und uns – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
Die Literatur war damals „unser Ein und Alles“, wie Dostojewski schon ein Jahrhundert zuvor über den Nationaldichter Puschkin gesagt hatte, und das Bemerkenswerte an diesem Satz ist nicht so sehr das Wort „alles“, sondern das „unser“. Es ist ein Wir der russischen Größe, ja des Größenwahns, wie in „unser großes Volk“ oder „unser großes Land“. Mein Vater, meine Schwester und ich fühlten uns damals als Teil dieses russischen Wir, wir freuten uns, bei Thomas Mann von der „heiligen, anbetungswürdigen“ russischen Literatur zu lesen. Dieser literarische Größenwahn hängt auf tragische Weise damit zusammen, was Russland den von ihm besetzten Ländern, aber auch sich selbst antut.
„Wann möchten Sie Ihren Vater bei uns einliefern?“, fragt mich ein Palliativarzt. Ich antworte, und wenn der Arzt nicht derart überarbeitet wäre, würde er mir jetzt sicher anerkennend auf die Schulter klopfen, denn ich sage: „Wir wollen meinen Vater zu Hause pflegen.“ Der Arzt weiß, worauf wir uns einlassen. Ich weiß es noch nicht. Er dürfe uns leider keine Schmerzmittel verschreiben, sagt der Arzt. Leider, leider müssten wir zuerst den Arzt rufen, der für unser Viertel zuständig ist, und ihn um eine Überweisung an eine Stelle bitten, die berechtigt ist, starke Schmerzmittel zu verschreiben. Und das besser nicht im allerletzten Moment. Eine Hospizschwester würde zu uns kommen, die dürfe allerdings auch keine Schmerzspritzen geben. Doch wenn meine Mutter und meine Schwester auch Zeit hätten, könnten wir es zu dritt vielleicht schaffen, alle Hürden zu überwinden und Vater vor den Schmerzen zu bewahren. Wir müssen nur schnell sein, schnell alle Papiere besorgen, schneller, als Vaters Schmerzen zunehmen. Es ist schon Abend, ich fahre ohne Schmerztabletten und ohne Rezept zurück in die Wohnung, in der mein Vater in seinem „Kabinett“ im Bett liegt.
So nannten wir das Zimmer meines Vaters. Als Kind durchstöberte ich es immer wieder und fand überraschende Schätze: alte Münzen, ein Set mit Zeichengeräten und Zirkeln, die ich nicht wieder ins Samtetui zurückbekam, ein Finnenmesser, handgefertigt von echten Häftlingen, und echte Gewehrpatronen, ein Andenken an einen Freund. An den Wänden Bilder befreundeter Maler und bis zur Decke Tausende übersetzte Bücher. Die russischen standen drüben im Wohnzimmer.
Die Hospizschwester, die bald zu Vater kommt, wird uns in den nächsten Wochen eine große Stütze sein. Mascha kann gut mit Sterbenden umgehen, gegen den Schmerz kann sie nichts tun. Meine Mutter hat gestern schon den Arzt aus der für unser Haus zuständigen Poliklinik gerufen, aber er kommt einfach nicht. Die Schmerztabletten, die mein Vater nimmt, helfen nur ein, zwei Stunden. Man darf sie nicht so oft nehmen und es wären sowieso nicht mehr genug da. Vater braucht jetzt Morphin.
„Ich darf kein Rauschgift verschreiben“, sagt der Poliklinikarzt, als er endlich kommt. Gerade hat er Vaters Zimmer betreten, einen Blick auf sein Bett geworfen, genickt. Hat er wenigstens Vaters Lunge abgehört? Ich weiß es nicht mehr, ich erinnere mich nur, wie er neben Vaters Bett sitzt, tief über Formulare gebeugt, die er auf seinem Schoß ausfüllt. Sein Schädel ist geschoren, ein goldenes Kettchen hängt um seinen dicken Hals. Männer, die so aussehen, gelten in Russland als die Herren des Lebens, sie haben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das Heft in die Hand genommen, erst als kleine Banditen, dann als kleine Polizisten und schließlich als kleine Staatsbeamte. Der Arzt gibt mir einen Zettel mit Stempel und Unterschrift, der uns, wie er sagt, in der nächsten Instanz weiterhelfen wird. Bis dahin müsse sich unser Vater „ein bisschen zusammenreißen“, wörtlich dulden, also terpet.
Können Russen mehr Schmerz ertragen als andere Menschen? Dass sie es oft müssen, ist nichts Neues. Jean Améry, der als junger Mann im KZ gefoltert wurde und für den Rest seines Lebens, das er selbst mit 65 Jahren beendete, davon verfolgt wurde, schrieb:
„Mir selbst fällt dabei ein, wie ich später im Konzentrationslager beobachten konnte, daß die Slawen und namentlich die Russen physische Unbill leichter und stoischer ertrugen als etwa Italiener, Franzosen, Holländer, Skandinavier. Wir sind in der Tat als Körper nicht gleich vor dem Schmerz und der Tortur.“
Solche Verallgemeinerungen sind, wie manche Maximen von Hannah Arendt, vielleicht einfach ihrer Zeit geschuldet, und doch: Vieles darin ist zeitlos und erlitten, und ich möchte für sie einen Platz in unserer Zeit suchen. Amérys „Russen“ sind zunächst einmal alle Völker des russischen oder sowjetischen Reiches, und ihre Körper, der Körper meines Vaters und meiner, sind „gleich vor dem Schmerz“. Der Unterschied liegt in dem Wort „ertragen“. Als mein Vater noch keine Schmerzmittel brauchte, las ich in der Zeitung von einer alten Frau, die eines Abends in ein Moskauer Krankenhaus eingeliefert wurde. Sie wurde als Kriegsveteranin beschrieben, was im Sowjetrussischen Heldin bedeutete, sie war sogar in einem deutschen KZ gewesen. Die Frau hatte starke Schmerzen, und der diensthabende Arzt der Nachtschicht meinte, er sei nicht befugt, ihr „medizinische Narkotika“ zu verschreiben, sie solle bis zum Morgen warten. Denn „wenn sie Auschwitz überlebt hat, wird sie auch die kommende Nacht überstehen“.
„Schmerzen ertragen“ hat im Russischen eine positive Konnotation, ähnlich wie Leid und Tod in der Sprache des Dritten Reiches.
„In jeder Fabrik, in jedem Keller bewährt man militärisches Heldentum, sterben Kinder und Frauen und Greise genau den gleichen heroischen Schlachtentod“,
schrieb Victor Klemperer über die Lingua Tertii Imperii. Die „Russen“, die Untertanen des Russischen Reiches, der Union, der Föderation, haben sich in der Tat auf Duldsamkeit konditioniert, und ihr Reich folgt bis heute dem Prinzip: Der Untertan muss leiden. Die Auschwitz-Überlebende überlebte diese Nacht im Moskauer Krankenhaus nicht.
Hier haben alle Schmerzen
Mein Vater weigerte sich beharrlich, ein Untertan zu sein, und versuchte, „ihnen“ soweit es ging aus dem Weg zu gehen. Eines Tages bekam er eines dieser Angebote, die man nur schwer ablehnen konnte. Er sollte Mitglied der kommunistischen Staatspartei werden. Es war eine Aufforderung, wie es sie in Russland seit jeher gegeben hat und bis heute gibt. Im Zarenreich hätte sie so geklungen: „Du sollst Gott, dem Zaren und dem Vaterland die Treue schwören." In Putins Russland würde man vom „Sieg unseres Volkes im Großen Vaterländischen Krieg“ sprechen. Wie einst der Zarenthron und später die rote Fahne des Kommunismus ist dieser Krieg heute das unantastbare russische Heiligtum. Auf das, was und wie ich darüber schreibe, stehen in Russland bis zu fünf Jahre Freiheitsentzug. Aber ich schreibe das in Berlin. Mein Vater musste seine Entscheidung im Moskau der 1970er Jahre treffen. Er hat mir später erzählt, was er damals geantwortet hatte, und ich kann mir ziemlich genau vorstellen, wie dieses Gespräch verlaufen ist.
Im Forschungsinstitut für metallverarbeitende Werkzeugmaschinen arbeiteten viele Juden, weil es eines der wenigen in der Branche war, wo man Juden gerne einstellte. Wer dort Karriere machen wollte, trat in die Partei ein – als Ausgleich fürs Jude-Sein. Doch nicht nur die Juden hielten gleichzeitig eine innere Distanz zum Sowjetregime. Das war die Grundhaltung der gesamten Intelligenzija: die Faust in der Tasche zu ballen. Nur ballte man im Russischen die „Feige in der Tasche“, nicht die Faust. Diese hilflose Feigenhand/Feigenfaust sollte dennoch später zum Zusammenbruch der gesamten Sowjetunion führen. Es war also ein ziemlicher Spagat, den viele Intelligenzler damals meisterhaft vollzogen: ein bisschen in der inneren Emigration zu sein und ein bisschen in der Partei.
Ich stelle mir vor, wie einer von ihnen mit einem Augenzwinkern zu meinem Vater sagt, vielleicht im Vorbeigehen, vielleicht beim Rauchen auf halber Treppe: „Boris“ – mein Vater hieß wie ich, oder ich heiße wie er, und er hieß wie sein erschossener Großvater – „Boris, wir denken, du bist bereit, ein Labor zu leiten, aber warte, da ist noch etwas, wir sind nämlich der Meinung, du solltest auch eine Aufgabe in unserem Komitee übernehmen“, also im Parteikomitee des Forschungsinstituts. Mein Vater, den ich nie fluchen hörte, antwortete mit einem „fickt euch“. Bis dahin war mein Vater ein leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter, stellvertretender Laborleiter. Aus diesem Gespräch ging er als jüngerer wissenschaftlicher Mitarbeiter mit 100 Rubel weniger Gehalt.
Stur sei mein Vater gewesen, das sagten selbst seine Freunde, und ich verstand damals nicht, dass er einfach immer bereit war, gegen „sie“ zu kämpfen – und für seine Menschenwürde, die so leicht antastbar war. Schwester Mascha hat uns eine medizinische Nachttoilette gebracht, aber Vater will sie nicht benutzen, er sagt nicht, warum. Er sagt gar nichts mehr, manchmal nickt er oder schüttelt den Kopf. Dann reißt er sich aus dem Bett, geht an der Wand entlang zum Klo. Vater reißt sich immer zusammen, wie der glatzköpfige Arzt aus unserer Poliklinik gesagt hat, der uns kein Rezept ausstellen wollte. Stattdessen hat er mir ein paar gestempelte Zettel gegeben, die mir bei der nächsten Instanz helfen sollen. Ich fahre also zum „Bezirksonkologen“.
In der Bezirksklinik stehe ich in einer langen Krebsschlange, meiner ersten. Sitzen dürfen hier nur Kranke und die, die gleich drankommen. Sie finden Platz auf den Stühlen vor dem Behandlungszimmer, die wie in der Moskauer Metro zu beiden Seiten des langen Ganges aufgestellt sind. Viele warten zu zweit, aber ich kann nicht unterscheiden, wer Krebs hat und wer Begleitung ist oder nur ein Rezept abholt, alle haben den gleichen Gesichtsausdruck, ich bestimmt auch. Ich frage mich nicht mehr, wer hier wen umgebracht hat, wer schuld daran ist, dass wir vor dieser Tür warten müssen, ich warte einfach wie alle anderen.
Der Bezirksonkologe wirkt erschöpft, vielleicht hat er heute schon oft gesagt, was er mir jetzt sagen wird: Er könne meinem Vater nichts verschreiben. Die Vorschriften seien klar, er müsse sich erst selbst davon überzeugen, dass der Patient wirklich Schmerzen habe. Nächste Woche würde er vorbeischauen. – „Mein Vater braucht aber jetzt ein Rezept!“ – „Soll ich Ihretwegen ins Gefängnis?“ – „Mein Vater“, sage ich, „hat aber jetzt schon starke Schmerzen.“ – Er schneidet mir das Wort ab: „Hier haben alle Schmerzen.“
Mein Vater war nie im Gefängnis. Er hasste die „Ganoven“ im Kreml und er hasste ihren Staat, aber er wurde nie verhaftet, nicht einmal, wie so viele sowjetische Andersdenkende, zu einem informellen Gespräch mit KGB-Agenten eingeladen. Die sowjetischen Dissidenten waren ein enger geschlossener Kreis, zu dem mein Vater nicht gehörte. Er war ganz nah dran, aber er blieb draußen in einem viel größeren Kreis von Sympathisanten, von Lesern der illegalen Schriften des Samisdat. Als ich sein Kabinett durchsuchte, fand ich im Regal unter den langweiligen Ausstellungskatalogen „Der Stein“ von Mandelstam und die Nobelpreisrede von Albert Camus, verblasste dritte oder vierte Durchschläge, die meine Mutter in mehreren Kopien abgetippt hatte. Den noch gefährlicheren Samisdat hatte mein Vater bei meiner Oma deponiert, denn man ging davon aus, dass bei einer älteren, alleinstehenden Krankenschwester niemals eine Hausdurchsuchung stattfinden würde.
Für den Bezirksonkologen sind die Schmerzen, die mein Vater hat, kein Argument, ihm Schmerzmittel zu verschreiben, aber er sieht, dass ich mich nicht mit einem Nein zufriedengebe. Ich sage ihm immer wieder, dass sein Kollege meinen Vater schon untersucht hat, dass ich dessen Befund dabei habe, hier, und eine Unterschrift, hier, und hier einen Stempel. Nach einem langen Arbeitstag hat er keinen Nerv mehr für eine soundsovielte Diskussion. Er antwortet nicht mehr, er verschreibt meinem Vater kommentarlos Morphin. Später erfahre ich, dass es die kleinstmögliche Dosis ist. In den Formularen, die ich gegenzeichnen muss, wird mir bei Missbrauch mit strafrechtlicher Verfolgung gedroht.
Das Gehalt meines Vaters wurde damals mit der Begründung gekürzt, dass sein „ehrenamtliches Gesicht“, was auch immer das sein sollte, nicht zu einer Führungsposition passe. Er musste also sein ehrenamtliches Engagement steigern, und Vater hat, wie er uns sagte, „sie“ wieder einmal „ausgetrickst“: Er schrieb Artikel für die Betriebszeitung seines Instituts, aber nicht über die Erfolge des sozialistischen Maschinenbaus, sondern über Kunstausstellungen. Später schrieb mein Vater auch Kunstkritiken für Fachzeitschriften, und die 100 Rubel, die „sie“ ihm „gestohlen“ hatten, verdiente er sich während seiner offiziellen Arbeitszeit mit einer nicht genehmigten Nebentätigkeit. Vater lernte Japanisch und übersetzte japanische Industriepatente. Doch egal, wie sehr er „sie“ auch hasste, mein Vater wollte nie auswandern. Er wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden – in seinem Kabinett voller Bücher, Kunstalben und Schallplatten. Und er wollte nicht in einer Gefängniszelle, einer Lagerbaracke oder auf einer Krebsstation sterben.
Als ich endlich das Rezept für meinen Vater in der Hand halte, ist es schon Abend, zu spät, um noch eine der wenigen Spezialapotheken der Stadt aufzusuchen, die das gefährliche Narkotikum abgeben dürfen. Alle haben schon geschlossen, und mein Vater, der nie ein Held in „ihrem“ Sinne sein wollte, muss noch eine Nacht „durchstehen“.
Wer sind sie überhaupt?
Ich helfe meinem Vater, sich im Bett aufzusetzen, – nicht aufzusetzen, leicht aufzurichten, ich halte seinen Kopf, schiebe noch ein Kissen darunter, damit Vater einen Schluck Wasser trinken kann. Trinken ist zu viel gesagt, ich lege einen Teelöffel an seine kaum geöffneten Lippen und gieße langsam so viel Wasser in Papas Mund, wie vielleicht ein Vogel trinkt. Nicht nur meine Schwester und ich nennen ihn Papa, unsere Mutter jetzt auch. Einer von uns bleibt rund um die Uhr bei ihm, jetzt bin ich dran. Mama ruht sich aus und meine Schwester ist in die Spezialapotheke gefahren.
Vater sieht man nicht an, ob er Schmerzen hat, er liegt nur da, vielleicht schläft er, dann steht er plötzlich auf, bleibt kurz auf dem Bett sitzen, sammelt Kraft, geht zur Toilette, langsam, immer mit einer Hand an der Wand, an den Möbeln, manchmal muss er sich mit beiden Händen abstützen. Mutter löst mich ab. Ich kann nicht schlafen, sitze in der Küche vor meinem Notebook. In diesen Wochen schaue ich eine Serie, die in Florida spielt. Viel Sonne und Meer, und die Hauptfigur ist ein Serienmörder, der seine Opfer zerstückelt. Irgendwie passt das.
Endlich ist meine Schwester wieder da, sie bringt Betäubungspflaster, die sie erst in der dritten Spezialapotheke bekommen konnte. Die Apothekerin, die ihr schließlich die Pflaster verkaufte, schärfte ihr ein, die gebrauchten Pflaster und leeren Packungen später unbedingt wieder bei der zuständigen Stelle abzugeben.
Als die Sowjetunion 1991 zusammenbrach und die „Ganoven“ aus dem Kreml verschwanden, konnte sich mein Vater endlich seinem Lebenstraum widmen. Zusammen mit meiner Mutter gründete er eine Assoziation der Kunstkritiker und Kunstwissenschaftler, abgekürzt AIS. Das war wie ein sehr russischer Traum, den auch ich als Kind hatte: sich voll und ganz der großen Hochkultur zu widmen.
Am Ende der Sowjetunion war ich Mitte zwanzig, und ich wollte mich nicht mehr mit solchen Träumereien abgeben, aber meine Eltern, ihre Freunde und Millionen sowjetischer Intelligenzler hofften, dass sich ihr russischer Traum doch noch erfüllen würde. Mein Vater war damals 53 Jahre alt. Er kuratierte Ausstellungen, schrieb Kunstkritiken, und vor unserer Wohnungstür ließen er und meine Mutter eine zweite Stahltür einbauen. Zuerst hieß es, nur Juden bräuchten so etwas, weil man Angst vor Pogromen hatte, aber bald hatten fast alle Wohnungen eine zweite Tür oder Gitter aus Stahl wie in Gefängnisgängen. Alle, Juden und Nichtjuden, hatten Angst vor Banditen, die im Treppenhaus lauern konnten und auf der Straße hatten sie definitiv das Sagen, von Wirtschaft und Politik ganz zu schweigen. Meine Eltern reisten oft ins Ausland, sahen in den Uffizien oder in Dresden endlich die Gemälde, die sie bisher nur aus Kunstalben kannten, sie besuchten mich in Berlin, und zu Hause in Moskau, im September 1999, ging mein Vater mit anderen Hausbewohnern nachts auf Patrouille. Unser Haus ist lang, hat acht Eingänge und neun Stockwerke, und die Bewohner wollten verhindern, dass irgendwo im Keller der Sprengstoff Hexogen deponiert wurde. Jemand hatte damals in Russland mehrere Wohnhäuser gesprengt, nachts, als in den Wohnungen Menschen schliefen, 367 starben. Die Nachbarn meiner Eltern glaubten den Behörden, dass tschetschenische Terroristen hinter den Anschlägen steckten. Mein Vater erzählte mir später, dass es in Wirklichkeit die Staatssicherheit war, die auf der Welle der Angst ihren Mann in den Kreml bringen wollte: Wladimir Putin.
Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater später gegen Putin auf die Straße gegangen wäre, vielleicht erkannte er schon früh, wie aussichtslos das war. „Sie“ hatten nach wie vor das Sagen, aber meinem Vater konnten sie zu dieser Zeit nichts mehr anhaben. In der Kunst gab es noch keine Zensur, Vater konnte noch mit jedem in seinem neuen Arbeitsumfeld über „sie“ reden, ohne um seine Stellung oder seine Familie fürchten zu müssen. Als er einmal zwei Wochen in einem Moskauer Krankenhaus verbrachte, schrieb er einen begeisterten Dankesbrief an die Ärzte und Schwestern. Damals war es noch kein Krebs.
Meine Schwester, unsere Mutter und ich teilen uns die Tage in Schichten auf. Während eine bei unserem Vater ist, besorgt der andere Rezepte und Medikamente und die dritte schläft. Wir wechseln uns nicht zu genauen Uhrzeiten ab, unsere Schichten verschieben sich. Mal schlafe ich tagsüber, mal bin ich tagsüber beim Vater, mal gucke ich Dexter und weiß nicht mehr, ob das graue Licht von draußen die Morgen- oder Abenddämmerung ist. Bald helfen die zu niedrig dosierten Betäubungspflaster, die ich meinem Vater auf den Oberarm klebe, nur noch für wenige Stunden, die Schmerzen sind schon zu stark. Aber ein weiterer Gang durch die Behörden ist nicht nötig. Ich berühre Vaters Stirn, sie ist kalt.
Mein Vater starb, und vier Monate später besetzten „grüne Männchen“ die Krim. Dann schickte Putin Agenten in Zivil und kurz darauf reguläre Truppen in den Donbas. Der Krieg gegen die Ukraine, der im Februar 2014 begann, hätte meinen Vater nicht überrascht, der russische Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 auch nicht. Als ich 13 war, erklärte mir mein Vater zum ersten Mal, in was für einem Land wir lebten. „Übertreib bitte nicht“, antwortete ich wie ein Erwachsener, und als ich erwachsen wurde, sagte ich oft entnervt zu ihm: „Vielleicht sitzen deine ‚sie‘ doch nicht hinter jedem Busch. Wer sind ‚sie‘ überhaupt?“
Nur wenige Stunden nach Vaters Tod klingelt es an unserer Wohnungstür: ein Arzthelfer, ein junger Mann in blauer Uniform, mit langen Haaren und modischer Hornbrille. Ich solle vom Leichnam die Pflaster abziehen und nachher zur Medizinbehörde bringen, sagt er. Sonst lande ich im Knast. Und nein, wir könnten Vater nicht über Nacht bei uns behalten.
Dann klingelt es wieder, die Polizei steht vor der Tür. Ein Polizeibeamter, der gekommen ist, um meinen toten Vater zu begutachten, lüftet nur kurz die Decke über dem kalt werdenden Körper und schaut lange auf die übermannshohen Bücherregale. Dann setzt er sich an den Küchentisch und arbeitet sich durch einen Stapel Unterlagen, die sich während der Krankheit meines Vaters angesammelt haben. Fast eine halbe Stunde lang sagt er kein Wort, hat keine Fragen, die Papiere scheinen alle in Ordnung zu sein. Er holt neue Formulare und füllt sie mit Kinderhandschrift aus, langsam und mit viel Druck wegen der Durchschläge. „Haben Sie schon die Leichenabfuhr gerufen?“, fragt der Polizist beiläufig. Er sagt, trupowoska, ein Wort aus ihrem Slang, das für mich wie „Müllabfuhr“ klingt.
Die Uniform des Polizisten scheint aus Plastik zu sein, ich frage mich, wie er darin nicht schwitzt, dann sehe ich seine Finger, seinen gebeugten Hals, auch sie scheinen aus Plastik. Er geht, und es kommen zwei Sanitäter, um die Leiche meines Vaters abzuholen. Das für ihn vorgesehene Leichenhaus liegt in einem entfernten Vorort, es ist nicht möglich, Vater in ein näher gelegenes zu bringen. „Haben Sie die Pflaster abgemacht?“, fragt mich der ältere der beiden Sanitäter, der nett sein will. Dann packen sie Vater in einen schwarzen Sack für Verkehrsopfer und schaffen ihn fort. Als sich die Sanitäter vor dem Haus unbeobachtet fühlen, schleifen sie seinen Körper wie einen Sack Kartoffeln über den Asphalt. „Sie“ haben meinen Vater am Ende doch noch eingeholt.
Ein anderes Russland
Zwölf Jahre sind vergangen, seit mein Vater starb, und heute lese ich nicht mehr oft von Menschen in Russland, denen Schmerzmittel verweigert werden. Die russische Presse ist inzwischen weitgehend gleichgeschaltet, und viele freiwillige Wohlfahrtsarbeiterinnen, Journalisten und Bürgerrechtlerinnen, die gegen diese systematische Tortur gekämpft haben, sind nach dem 24. Februar 2022 ins Ausland geflohen. Die anderen haben sich mit dem System arrangiert und planen seine Hürden weit im Voraus ein. Auch das System selbst ist im Umgang mit Schmerzmitteln etwas weniger unmenschlich geworden, zum Beispiel sind Rezepte heute fünf statt 15 Tage gültig. 2019, kurz nach dieser Anpassung, bestellte eine Frau aus Jekaterinburg eine Packung rezeptfreier Antidepressiva im Ausland. Sie wurde bei der Abholung in ihrem Postamt festgenommen, verbrachte eine Nacht in Untersuchungshaft und durfte zu Hause auf ihren Prozess warten. Wegen „Schmuggels von Drogen in erheblichem Ausmaß“ von insgesamt 10,69 Gramm Bupropion in 30 Tabletten drohten ihr bis zu zehn Jahre Lagerhaft. Dazu kam es nicht, nach drei Jahren wurden die Ermittlungen eingestellt.
Heute dürften etwas mehr Krebspatienten schmerzfrei sterben, zumindest in den Großstädten. Aber der Schmerz ist nicht weniger geworden. Sobald eine Schikane abgemildert wurde, taucht eine neue auf, Schmerz und Gewalt brechen anderswo heraus, in der besetzten Ukraine, als Folter in russischen Gefängnissen oder als häusliche Gewalt.
Wer ist schuld an all dem Schmerz und der Gewalt? Wer sind diese Menschen, die mein Vater immer nur „sie“ nannte? Auf diese russische Frage gibt es eine sehr russische Antwort. Schuld sei die wlast, die Regierung, die Obrigkeit, der Staat, das Regime. Das ist die Brille, durch die Russland sich bis heute sieht und auch von außen gesehen wird.
„Ich liebe mein Land so sehr, und ich hasse unseren Staat“, diese Zeile, die fast wörtlich in mehreren russischen Gedichten und Punksongs vorkommt, wäre eine perfekte Staatshymne für mein Geburtsland. Der russische Patriotismus kehrt diesen Satz jedoch manchmal um, erklärt den gewalttätigen Staat für wünschenswert, um das wilde Volk im Zaum zu halten, oder begründet dies damit, dass das riesige Land sonst nicht regierbar wäre. Doch wie man es auch dreht und wendet: Es hilft nicht, die Probleme Russlands jenseits des Schemas „Staat gegen Volk” zu denken. Es hilft den Menschen in der Ukraine nicht, die russische Invasion abzuwehren. Es hilft den westlichen Russlandfans nicht, das Objekt ihrer Liebe zu verstehen. Mir hilft es nicht, mich zu befreien, und es hilft den Russen nicht, anderen und sich selbst keinen Schmerz zuzufügen.
Als Russe wird man mit Gewalt gestopft, überfüttert wie eine französische Gans mit Mais und Schweineschmalz. So entsteht eine Delikatesse, die Foie gras für Russlandliebhaber, die russische Seele, die russische Literatur. Wenn ich zurückblicke, sehe ich lauter gebrochene Autorenschicksale. Eine Kugel am Ende des Lebens oder der Strang, Lager, Zwangsernährung oder Hunger oder, wie der Dichter Alexander Blok schrieb:
„Mich hat mein verfilztes, stammelndes, geliebtes Mütterchen Russland gefressen wie die Muttersau ihr Ferkel.“
Und gleichzeitig klammerten sich so viele an den Traum von einem anderen, freien, spirituellen Russland, an jenes liebevolle Mütterchen, das noch nie jemanden vor denen beschützt hatte, die mein Vater „sie“ nannte. Ich habe ihn nie gefragt, was er an Russland liebt und was von Russland übrig bliebe, wenn „sie“ verschwunden wären. Gibt es überhaupt ein anderes, ein schönes Russland, das heute ein gemeinsamer Nenner für die meisten Gegner Putins ist?
„Das schöne Russland der Zukunft“ war ein Kampagnenslogan von Alexei Nawalny. Der russische Patriot wurde von Putins Agenten vergiftet und in Deutschland gesund gepflegt. Dann stand er vor einem Dilemma: Entweder er blieb im Exil und verlor seinen politischen Einfluss in Russland oder er kehrte zurück und lief Gefahr, verhaftet und ermordet zu werden. Nawalny flog nach Moskau. Offenbar hatte er gehofft, dass das andere, das schöne Russland ihn mit Demonstrationen empfängt und im Falle seiner Verhaftung eine Revolution beginnt. Als er in Moskau landete und verhaftet wurde, war das andere Russland nicht da. Nawalny wurde in einem Straflager hinter dem Polarkreis getötet – von Putins Leuten und von seiner eigenen Russlandliebe.
Diese Russlandliebe ist Teil der russischen Militärdoktrin. In Russland steht „Heimatliebe” für Schmerz und Gewalt, sie kann sogar direkt „Prügel” bedeuten. Dort kennt jeder die Drohung: „Wir bringen es dir schon bei, deine Heimat zu lieben!“ Das heißt: „Wir werden dich so lange misshandeln, bis du dich fügst.“ In Deutschland sorgt die Russlandliebe dafür, dass Russland Tausende Ukrainer töten darf, bevor sie sich mit einer neuen deutschen Waffe verteidigen können. Ich finde Worte dafür, aber keinen Ausweg. Wie gerne würde ich mit meinem Vater darüber sprechen, wie ich mich befreien kann! Auch auf die Gefahr hin, dass er sagt, ich hätte schon vergessen, wie es ist, in Russland zu leben – und zu sterben. Papa, das vergisst man nie.