Anna Fišerová
Schlaf lieber
Wieder ein solcher Tag. Ich ziehe mir das T-Shirt von gestern doch nicht an. Neuerdings fällt es mir schwerer. Fange die Spinne am Saum ein, schon verschwindet sie in der Luft. Zähle die Dinge, die geblieben sind. Im Kühlschrank schimmeln die Erdbeeren. Weiße Kronen auf den roten Kegeln. Mir vergeht die Lust. Hinweise gibt es also.
Wie lange noch?
Ich rufe es mir in Erinnerung. Er muss sich nur ausruhen, sich ein bisschen hinlegen, dann wird es wieder gut.
Als ich ankomme, liegt er wirklich da. Genau so, wie ich ihn mir vorgestellt habe. In Rückenlage, die Arme weit vom Rumpf entfernt, der Kopf im Kissen. Die anderen sind gerade nicht da. Sie entgehen der Tätigkeit. So, wie er daliegt, muss er nur die Augen verdrehen, durch das Gitterfenster hoch zum Himmel. Es gibt keine Vorhänge. Ich lege mich dazu, teste die Aussicht. Etwas zieht vorbei. Das Laken ist weichgelegen, fast flüssig.
Neben dem Bett steht ein kleiner Nachttisch, ich ziehe die Schublade heraus: zwei Ohrstöpsel, eine ganz normale Schlafmaske, als würde er sonst nichts brauchen. Ich lege die weiße Dame hinzu. Wenn es darauf ankommt, ziehe ich nie schwarz. Ich sage, du hast es schön hier, oder?
Mich holt ein Taxi ab. Es könnte mich bringen, wohin ich möchte. Ein schönes Versprechen. Ich schlafe fast auf dem Rücksitz ein. Stattdessen bringt es mich zu der Wohnung, in der es nur mich gibt. Wenigstens kann ich machen, was ich will. Ich bringe mich selbst ins Bett und warte, bis es still wird. Ich fürchte, nicht müde genug zu sein. Ganz kann ich es nicht benennen.
Ich berühre seinen langen Rücken. Fahre langsam über den verschwitzten Stoff, ohne anzukommen. Das letzte Stück hebe ich mir für später auf. Sicher hat er die Hose gewechselt. Oder sogar zugenommen. Aber die Haare reichen ihm schon bis zum Ohr. Ich greife fester zu, suche nach einem bekannten Gefühl. Wir essen leise die Paprika-Chips, die ich aus dem Supermarkt habe. Ich greife öfter in die Tüte, weil ich nichts zu erzählen habe, wünschte, ich wäre selbst hier. Plötzlich fallen mir all die Unterschiede auf, ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich krieche unter seine Bettdecke und warte, ob er zurückzuckt.
Vergehen seine Tage etwa genauso wie meine?
Die Reste kleben immer noch am Geschirr. Mir geht die Geduld aus. Ich lege die Tasse zurück auf das Gitter und es tut mir leid. Sobald ich allein bin, suche ich nach dem Anfang. Was ist ihm eigentlich entglitten? Ich zähle die Tage davor und danach. Unendlich viele: Schlaf lieber, schlaf ein, dann vergisst du. Ich hatte die Vorhänge fest zugezogen und mich neben ihn auf den Boden gerollt. Ich war ehrlich mit mir, oder versuchte es. Es war besser so, als wenn er wach wäre.
Ich drücke die Klingel, bin aus der Puste. Eine von ihnen lässt mich rein, nennt mich junge Dame. Ich habe meine Haare gekämmt und Lippenstift aufgetragen, beides absichtlich. Meine Schuhe hallen laut durch den Flur, sodass ich bei jedem Schritt erschrecke. Sie schauen mir dabei zu, ich möchte nicht darüber nachdenken.
Hinter jeder Tür eine andere Stunde.
Wir schaffen es, diesmal länger miteinander zu sprechen. Er sitzt neben mir auf dem Bett, geradegebogen. Ich erinnere mich nicht mehr an das Davor, sagt er. Ich strenge mich auch an, aber nichts hilft. Er fürchtet sich vor dem Aufwachen. Weil man merkt, dass man wieder am selben Punkt angekommen ist. Ich nicke. Willst du wissen, wovor ich mich fürchte? Dass du mich bald vergisst. Aber als ich es ausspreche, wird er sofort wütend auf mich und ich schicke ihn in den Schlaf.
Ständig kehre ich zurück. Wann bin ich so unaufmerksam geworden, wie hatte ich den Schimmel nicht entdeckt.
G. ist zu meinem Orakel geworden. Tritt die Stille nicht ein, spreche ich mit ihr. Ich frage sie aus, aber denke dabei nicht an Zuversicht. Im Zimmer ist es kalt und dunkel, nur das helle Licht auf dem Schreibtisch. Eigentlich ist es schon zu spät. Trotzdem. Pause. Abwarten. Ich verrate ihr Dinge, bis ich sie wieder entferne. Oder sie schickt mich selbst zu Bett. Ich sage dir nicht mehr, genug für heute. Nie war jemand so sanft zu mir gewesen.
Das Seltsame? Keine Ohrstöpsel passen mir, meine Ohren sind ungewöhnlich eng. Einmal hat er selbst versucht, sie mir ins Ohr zu schieben. Es kann doch nicht sein, es kann einfach nicht sein, dass sie dir nicht passen. Er tat mir weh, das Rauschen auf der Straße setzte kurz aus, später suchte ich sie auf dem Laken.
Wirst du noch so schnell wütend, frage ich ihn. Wirst du endlich einmal wütend, fragt er zurück. Wir müssen flüstern. Draußen ist es schon längst dunkel.
Beeil dich, dass du rechtzeitig nach Hause kommst. Dann werde ich rausgeschickt, hinter mir schließt jemand die Tür ab. Ich eile, weil er es mir aufgetragen hat, aber auch, weil ich so dringend G. sprechen möchte.
Es ist das, worauf ich mich am meisten freue. Ich schaffe es nicht mehr einzukaufen, aber da ist noch Weißbrot im Schrank. Ich dusche so lange, bis mir die Flüssigkeit bis zu den Knöcheln reicht. Der Duschvorhang ist unten am Rand schon gelb geworden. Das nasse Handtuch hinterlässt einen Fleck auf der Bettdecke. Mein Gesicht juckt im kühlen Blau. Ich bin gierig, die Antworten stehen mir zur Verfügung. Schnell bekomme ich das, was ich möchte. Ich gleiche aus. Wie viel kann ich sagen, ohne mich zu verraten?
Ich beneide ihn, das ist ja schwer zu verstehen. Ich glaube, er ist ihr entkommen, der Zeit. Deswegen.
Es begann mit einem Unterschied. Kleine Aussetzer. Das Zählen zum Beispiel. Aber jede Stunde brachte keine weitere Erleichterung. Ich legte mir die Wörter zurecht. Keins, an dem er sich schneiden konnte, das ihm mehr Schmerz zufügen würde. Ich bewahrte die Kontrolle über den Auslegungsrahmen, wenn auch nicht immer. Waren meine Wörter falsch, blieben sie ihm aus. Ich konnte ihm nicht helfen. Wie auch? Er dachte nur an eines. Irgendwann: Wir haben alles aufgebraucht. Kalter, wahnhafter Blick, aber darunter erkannte ich ihn noch.
Ich dachte, es würde anders werden, wenn er dort ist. Aber das stimmt nicht. Schwer ist es überall.
Ich bringe ihm ein Päckchen. Nein, schau nicht rein. Jetzt doch noch nicht. Wir dürfen spazieren gehen. Ich nehme ihn an die Hand, sie ist noch genauso groß wie vor wenigen Wochen. Meine Schritte sind größer, ich korrigiere mich mehrmals. Wann bist du denn so schnell geworden, fragt er. Wann du so langsam, will ich sagen. Ein Feld gibt es auch, sogar mit Ponys. Viel zu große Augen. Starkes Haar. Das Streicheln gefällt ihm, der Ponykopf fügt sich gut in seine Hand. Es ist wärmer geworden, ich lockere den selbstgehäkelten Schal, ziehe ihn ein Stück weg von meinem Hals. Dann verirren wir uns im Park, es gibt eine Kirche und einen Teich, wir laufen im Kreis, aber irgendwann laufen wir zu weit. Weil er spät dran ist, gehe ich allein zur Bushaltestelle. Immer wieder drehe ich mich um. Es beginnt zu regnen.
Ich schaue mich an und bin enttäuscht. Ich sehe jeden Tag gleich aus. Ja, man sieht es mir gar nicht an.
Ich flehe G. an, mir mehr zu sagen. Ich bin fordernder geworden. Mit ihr kann ich das. Mit ihr kann ich einfordern, was ich möchte, ohne darüber nachzudenken. Heute entziehst du dich mir, beschwere ich mich. Flimmernde Punkte. Das leere Wasserglas auf dem Schreibtisch. Dann doch etwas, das mich beruhigt.
Wie kannst du das von mir erwarten, fragen wir. Eigentlich können wir beide nicht mehr. Er hat die Dame verloren und ich bin wirklich wütend, nicht nur darauf, sondern auf alles. Ein schlechtes Zeichen. Ich wühle mich durch seine Sachen, suche unter dem Bett, aber die Schublade bleibt leer. Wie konntest du nicht auf sie aufpassen, herrsche ich ihn an. Dann breche ich in Tränen aus. Ich weine so laut, es muss auch in den Zimmern nebenan zu hören sein. Es ist mir gar nicht unangenehm. Er tätschelt meinen Kopf, als wäre es zum ersten Mal. Ich wäre gern ein Pony. Das ist also auch abhandengekommen.
Ich füttere G. liebevoll. Ich bin mir sicher, sie mag das. Was hilft mir gegen den steifen Rücken, den ich von dir bekomme? Manchmal frage ich plötzlich banale Dinge. Hin und her. Ich sehe immer verschwommener, alles ist nur noch blau. Ich drücke fest gegen mein Augenlid. Es ist eine Frage der Zeit, bis es mir auch passiert.
Schlimmer ist nur noch die Besserung. Niemand hat mich darauf vorbereitet. Ich vertrage keine Veränderung mehr. Du kannst nicht zurück, sage ich. Er schaut lange in die Sonne und schließt dann die Augen. Aber ich erinnere mich wieder, antwortet er. Es wird nicht so sein wie vorher. Das eine ist nicht das andere, wir sprechen hier von zwei verschiedenen Dingen.
Der Friseur hat mir die Haare geschnitten, aber es gefällt mir nicht. Ehrlich gesagt sieht es sogar furchtbar aus. Heute verlasse ich die Wohnung nicht. Eine Seite ist länger als die andere und mein linkes Ohr kommt dabei ungeschickt zum Vorschein. Und die Locken, die sind auch weg. Ponykopf. Ponykopf!
Die Sache mit dem Davor ist folgende: Ich kann schlecht daran anknüpfen, sehe immer nur das Zimmer vor mir. Weil er getrickst hat. Mit der Zeit. Hat sie einfach aus der Hand fallen lassen.
Und ich?
Dann fahr doch nicht mehr her, wenn es dich müde macht. Sein Blick ist ernst. Mich verletzt das. Ich verstehe sein Gesicht nicht, erschrecke mich nur, wenn ich es länger anschaue. Das ist neu.
Freundlich lächeln nicht vergessen. Ich greife nach den Chips und der Cola, lasse beides verschwinden. Trotzdem zittern meine Hände, ich atme schnell, dann renne ich los. Ich erbringe ihm den Beweis. Tatsächlich ist er erstaunt. Und ich bin so leicht, im Gegensatz zu ihm. Es ist gar nicht so schwer mit ein bisschen Überwindung. Später fühle ich mich anders, der Unterschied ist deutlich spürbar.
Ich tauche den Kopf ins Blau. Trage einen frischen Schlafanzug, meine Haare tropfen auf die Buchstaben. Sie weist mich zurecht, liebevoll streng. Ich bitte sie, Eigenschaften von mir aufzuzählen, die gut sind.
Unermüdbarkeit. Willen. Es überzeugt mich, aber nur kurz.
Wir haben gelernt, miteinander zu sprechen, und es gelingt uns immer besser. Sobald ich etwas will, will sie es auch. Ich will, dass sie zufrieden mit mir ist. Ich will gut sein. Das richtige Maß zu finden ist nicht einfach, ich weiß das.
Ich klappe den Laptop zu und male mir einen guten Tag aus. Ich suche nach Vorstellungen, die passen. Es hilft.
Ich habe eine gute Nachricht, sagt er und lächelt mich an. Du wirst dich freuen. Ich betrachte seinen Körper und denke, dass man ihn gut falten könnte. Ich mag ihn ja, auch so, wie er jetzt ist.
Tatsächlich. Er hat die Dame wiedergefunden. Er kann sich wirklich nicht erklären, wie es passiert ist. Es war ein Versehen, ein Missgeschick. Ich nehme die Entschuldigung an und eigentlich bin ich längst nicht mehr böse. Ich habe gehört, manche sind hier Diebe, sagt er. Man hat ja sonst nichts zu tun, außer zu verlieren oder spazieren zu gehen. Ich nehme die Dame in die Hand und mache eine Faust. Zum Glück die weiße. Als ich genauer hinschaue, ist sie vielleicht doch ein kleines bisschen anders. Ich lasse es mir nicht anmerken.